Führung: Zwischen Führungskult und Verantwortungsabgabe der Führung

Führung: Zwischen Führungskult und Verantwortungsabgabe der Führung

Was heißt eigentlich Führung? Wer darf führen und wer wird dafür fertiggemacht?

Beitrag von Momo Eich, BG Köln.

Zwischen dem autoritären Wunsch, den eigenen Willen durchzusetzen, und dem Unwillen, sich auf demokratische Aushandlungsprozesse einzulassen, finden wir das aktuelle Bild von Führung in der Linksjugend. Es bewegt sich zwischen der heftigen Ablehnung jeglicher Form von Führung und deren ideologischer Verklärung. Bei der ideologischen Verklärung von Führung, die sich zum Beispiel im Abfeiern eines „Durchgreifens“ der Führung äußert, wird eigenwillige Führung nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern die „falsche Führung“ kritisiert. Diese sei einfach persönlich nicht geeignet oder politisch verwerflich. Wenn man sich weigert, demokratische Prozesse ernstzunehmen, bleibt ja sowieso nur noch das Individuum und die Persönlichkeit in Führungsgremien.

Dabei könnte Führung bedeuten, demokratische Prozesse wie Bundeskongress-Beschlüsse ernst zu nehmen und gemeinsam beschlossene Kampagnen und Strategien nicht nur im Bundessprecher:innenrat und angegliederten AGs, sondern auch in den Landessprecher:innenräten und den Basisgruppen anzugehen. Führung könnte bedeuten, Mitglieder gezielt darauf zu schulen, Kampagnen zu koordinieren und Strategien zu entwickeln. Das würde auch bedeuten, „Altkader“ nicht zu verprellen und sie zu halten. Und das würde bedeuten, auf Basis von Kompetenz und der Identifizierung mit der Beschlusslage und weniger auf Basis von symbolischer Strahlkraft zu wählen.

Aber wie passen eigentlich die Ablehnung jeder Form von Führung und die ideologische Verklärung von autoritärer Führung zusammen? Wie konnten beide Tendenzen in der Linksjugend entstehen und was ist ihr Zusammenhang? Nur wenn wir das verstehen, lässt sich eine Perspektive zu einer bewussten, demokratischen Führung hin entwickeln.

Die Schwächen antiautoritärer Führung

Die Linksjugend kommt aus einer autonomen, antiautoritären Tradition.Führung zu besprechen war daher lange verpönt. Plenum und Basisdemokratie waren hingegen angesagt. Grundsätze werden zwar auf dem Bundeskongress besprochen, die Keimzellen sind aber die Basisgruppen. Und die Basisgruppen sind das wichtigste überhaupt – dort passiert die Arbeit. Sie müssen komplett frei handeln und alle – auch diejenigen ohne Mitgliedschaft – müssen abstimmen können. Eigentlich verwaltet die Führung nur die Beschlüsse und ist Dienstleisterin „der Basis“.

Wie genau kann in so einem Kontext Koordinierung von Kampagnen aussehen? – schwierig, denn große lose Gruppen und viele Runden prägen diesen Führungsstil.Auch ist ein Abgeben von Verantwortung bei diesem Führungsstil typisch.Bestes Beispiel für die Absurdität dieser Praxis ist der Beschluss zur Entwicklung einer antirassistischen Struktur. Dafür gründete man eine AG, man gab den Mitgliedern wenig Wissen an die Hand und erwartete ohne Koordinierung durch die Führung, dass Leute alleine „ihr Ding machen“ würden. Das ist nicht passiert und so wurde der Beschluss vom Bundeskongress zunächst nicht umgesetzt.

Nährboden für Hierarchien

Es ist wichtig, dass sich die Linksjugend für Basisdemokratie und gegen einen autoritären Führungsstil bekennt. Nur ist der oben beschriebene autonome, antiautoritäre Führungsstilerstensineffektiv undzweitensder perfekte Nährboden für informelle und demokratisch nicht legitimierte Führung in der politischen Arbeit. Letztere wird dann oft von Männern, die mit goldenem Löffel im Mund geboren sind, eingenommen. Drittens löst er aber auch nicht seinen basisdemokratischen Anspruch ein. Wenn der Bundeskongress höchstes Entscheidungsgremium ist, die Basisgruppen und Landesverbände aber gleichzeitig ihr Ding machen, können Beschlüsse nicht umgesetzt werden. Besser gesagt: Diese Strukturen verweigern Beschlussumsetzung. Dadurch werden Antragsbehandlungen symbolischer und voller Wortklauberei.

Ein weiteres Problem ist, dass derart lose Organisierung schnell strömungspolitisch instrumentalisiert werden kann. Dann kann es Mobilisierungen zu einzelnen Treffen geben. Wenn eine externe Gruppe oder interne Strömung eng durchstimmt, bringt die Orientierung an Konsens auch wenig und führt dazu, dass diese sich immer durchsetzen können.

Von informellen Hierarchien zu Mobbing

In den letzten Jahren verkleidet sich Führungs-Mobbing als Anti-Establishment. Die Ironie der Geschichte ist, dass es diesen Gruppen nicht darum geht, Führung abzuschaffen – sie wollen die Führung übernehmen und zwar in ihrem eigenwilligen, individualistischen Sinne. Dieses Mobbing lässt sich in seiner Logik nur „rational“ mit Verschwörungserzählungen verteidigen, die meistens als Witz oder Meme anfangen. Wie es bei informellen Hierarchien die Regel ist, werden aktive und demokratisch legitimierte Führungspersönlichkeiten oft zur Angriffsfläche. Dabei werden insbesondere Frauen zur Zielscheibe.

Destruktive Persönlichkeiten mit Hang zu Verschwörungsdenken innerhalb der Führungsgremien treten als Underdog auf und machen beim Mobbing innerhalb der Gremien mit. Diese verachten dort dann demokratische Beschlüsse – Unterstellungen gegenüber dem „Establishment“* entlarven sich also als Projektion. Was man der schlechten Führung unterstellt, macht man selbst oder sehnt sich danach.

Diese Underdogs werden oft in ihrem Denken aus prinzipieller und instinktiv antiautoritärer Führungskritik heraus bestärkt. Tatsächlich ist das Fördern von Verschwörungsdenken persönlich und politisch brandgefährlich: Auf persönlicher Ebene werden paranoide Gedanken bestärkt und dies kann eine Psychose verschärfen. Politisch brennt Mobbing diejenigen aus, die im Verschwörungsdenken als Feinde markiert sind – man verliert also wichtige Aktive und erstickt die politische Debatte.

Stattdessen sollte im Fall von Verschwörungsdenken schnell interveniert werden: Es müssen Fragen und Bedenken gegenüber Verschwörungserzählungen geäußert werden, um Personen zu erden. Kritik muss möglich sein sowohl gegenüber der Führung als auch gegenüber der Basis. (Dabei ist natürlich zu beachten, dass nicht jede Kritik aufgegriffen werden kann: Innerhalb eines Verbandes wird Kritik häufig aus unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Richtungen geäußert. Die gleichzeitige Umsetzung einander entgegenstehender Forderungen würde zu inkohärentem Handeln führen.)

Eine andere Perspektive wäre hingegen, Führung und Basisdemokratie zu vereinen. Alle wollen eine schlagkräftige Kampagne aber dann muss man auch gemeinsame Beschlüsse ernst nehmen und sich an der Umsetzung beteiligen: kontroverse Debatte an der Basis – nach Beschluss dann gemeinsame Umsetzung. Es braucht auch eine kritische Wertschätzung der Führung. Diese muss auf ihr Amt vorbereitet werden, wenn Führung nicht Frage der Persönlichkeit sein soll. Wenn Führung Frage des Organisationswissens und der Fähigkeit bedeutet, andere Leute einzubinden und zu vermitteln, braucht es Schulungen. Man würde dann keine frisch Eingetretenen wählen und sich bei der Wahl an Erfahrung in anderen Arbeitskontexten orientieren. Die Identifizierung mit Beschlüssen und Verpflichtung zu ihrer Umsetzung wäre zentral.

Aber letztendlich dürfen wir alle nicht vergessen: Führung ist nur ein Teil der Organisierung. Basisarbeit ist genauso wichtig. Am besten fangen wir in unseren Basisgruppen und Landesverbänden an.

Anmerkung:

*Es ist fraglich, die Führungsgremien als „Establishment“ zu bezeichnen, wenn die Linksjugend-Führungen sehr viel unbezahlte Arbeitszeit leisten. Darüber hinaus ist die Entscheidungskraft des vermeintlichen „Establishments“ beschränkt, weil die anderen Strukturen ihr Ding machen unabhängig vom Führungsgremium. Letztendlich ist ja aber sowieso der Bundeskongress, der Aufträge gibt, das höchste Gremium.