Hinter dem Faschismus steht das Kapital?

Hinter dem Faschismus steht das Kapital?

Beitrag von Victor Sherazee, BG Gifhorn.

Auf dem XVIII. Bundeskongress der Linksjugend ['solid] wurde ein Änderungsantrag der Delegation des Landesverbandes Berlin an den Leitantrag angenommen, der aus meiner Sicht falsche Vorstellungen über die Kausalbeziehung zwischen Kapitalismus und Faschismus enthält sowie über die Unterstützung der AfD durch Kapitalist:innen. In diesem Antrag wird behauptet:

„Das Kapital fördert bewusst faschistische und reaktionäre Kräfte, um die Arbeiter:innenklasse zu spalten und von ihrem eigentlichen Feind – dem Kapitalismus und seinen Vertreter:innen in Staat und Regierung – abzulenken.“

Das Kapital

Im Änderungsantrag ist von dem Kapital mit bestimmtem Artikel die Rede. Dadurch entsteht der Eindruck, es handle sich um einen einheitlichen Akteur. Tatsächlich gibt es jedoch kein „Super-Unternehmen“, in dem das Kapital eines gesamten Landes gebündelt wäre und das von einer zentralen Leitung gesteuert würde. Vielmehr gilt, wie Karl Marx im zweiten Band des „Kapital“ schreibt: „Die Bewegung des gesellschaftlichen Kapitals besteht aus der Totalität der Bewegungen seiner verselbständigten Bruchstücke“ (zit. n. Sablowski 2008, Sp. 203).

In Deutschland existieren rund 3,5 Millionen Unternehmen. Selbst wenn man nur Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten betrachtet (also solche unberücksichtigt lässt, die man noch zum Kleinbürgertum zählen könnte), sind es immer noch etwa 500.000 (vgl. Statista 2026). Diese Millionen beziehungsweise Hunderttausenden einzelnen Kapitale haben selbstverständlich nicht die gleichen politischen Interessen. Je nachdem, wie und womit sie aus Geld mehr Geld machen, sind sie auf unterschiedliche politische Bedingungen angewiesen. In der marxistischen Diskussion hat sich der Begriff der Kapitalfraktion etabliert, wenn sich spezifische Widersprüche bündeln und sich daraus gemeinsame Interessen von einer Vielzahl von Einzelkapitalien ergeben (vgl. Sablowski 2008, Sp. 203).

Ein offensichtlicher Widerspruch zeigt sich etwa zwischen Unternehmen der sogenannten Green Economy und fossilen Industrien: Erstere haben ein Interesse an der staatlichen Förderung erneuerbarer Technologien und an einem beschleunigten Kohleausstieg, während letztere genau diese Entwicklungen zu verhindern suchen. Von einem geschlossenen politischen Willen „des Kapitals“ kann daher keine Rede sein. Vor diesem Hintergrund formulierte der marxistisch und keynesianisch orientierte Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel zutreffend: „Das Gesamtkapital existiert nicht als bewusst handelndes Subjekt“ (zit. n. Sablowski 2008, Sp. 203).

Die Berliner Genoss:innen dürfte es daher möglicherweise überraschen, dass etwa das Solarenergieunternehmen SEAC Holding GmbH im Jahr 2025 40.000 Euro an Bündnis 90/Die Grünen gespendet hat und an keine andere Partei (vgl. Deutscher Bundestag 2025). „Das“ Kapital, zu dem die SEAC Holding GmbH zweifellos gehört, fördert in diesem Fall also – oh Wunder! – keinerlei „faschistische“ oder „reaktionäre“ Kräfte. Für diejenigen, die mit den Grundlagen der Kritik der politischen Ökonomie vertraut sind, ist das allerdings wenig erstaunlich, sondern angesichts der Geschäftsinteressen von Solarenergieunternehmen und der von den Grünen befürworteten Subventionspolitik für erneuerbare Energien, naheliegend.

Wie alle Individuen bilden auch Kapitalist:innen „nur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andre Klasse zu führen haben“ (Marx zit. n. Sablowski 2008, Sp. 204). Der Grad ihrer politischen und organisatorischen Geschlossenheit steht in engem Zusammenhang mit der Stärke des Klassenkampfs von unten. Wo die Arbeiter:innenklasse nur schwach organisiert ist, bleibt auch das Kapital politisch zersplittert. Erst dort, wo sie stark organisiert ist – insbesondere in revolutionären Situationen –, vereinigen sich die Kapitalfraktionen, um die Attacken des Proletariats gemeinsam abzuwehren. Marx beschreibt eine solche Lage im Zusammenhang mit dem Pariser Arbeiteraufstand vom Juni 1848: „Bald darauf vereinigte die Pariser Juni-Insurrektion und ihre blutige Erstickung […] alle Fraktionen der herrschenden Klassen […] unter dem gemeinschaftlichen Ruf zur Rettung des Eigentums“ (Marx 2021, S. 302; vgl. auch Sablowski 2008, Sp. 204).

Für diese These spricht auch die Geschichte von Unternehmerverbänden. So erfolgte die Gründung eines landesweiten Unternehmerverbands im revolutionären Italien im Jahr 1920 erst, nachdem Kapitalist:innen durch massenweise Streiks und Fabrikbesetzungen in die Enge getrieben waren (vgl. Mattei 2022, S. 124), wie auch der italienische, marxistische Philosoph und kommunistische Politiker Antonio Gramsci vor diesem geschichtlichen Hintergrund treffend bemerkte: „Fabrikanten sind untereinander wegen der Profite, wegen des wirtschaftlichen und politischen Konkurrenzkampfs gespalten, aber gegenüber der Arbeiterklasse bilden sie einen eisernen Block“ (Gramsci zit. n. Mattei 2022, S. 124, Übers. d. Verf.).

Ein ähnliches Muster lässt sich auch in den USA beobachten. Als die Mitgliedszahlen des Gewerkschaftsverbands American Federation of Labor im frühen 20. Jahrhundert über eine Million kletterte und Streikaktivitäten zunahmen, stiegen als Reaktion auf diese Entwicklung auch die Mitgliedszahlen des anti-gewerkschaftlichen Unternehmerverbandes National Association of American Manufacturers. Auch in der Nachkriegszeit entstand der Business Round Table erst, nachdem neue Umwelt- und Verbraucherschutzgesetze das US-amerikanische Kapital in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren spürbar unter Druck gesetzt hatten (vgl. Heideman 2025, Kap. 1).

Mit anderen Worten: Ein geschlossenes politisches Auftreten der Kapitalist:innen als Klasse für sich ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Heute ist eine solche Geschlossenheit umso weniger zu erwarten, als die Arbeiter:innenklasse im historischen Vergleich schwach organisiert ist. Hinzu kommt, dass Kapitalist:innen neben offen autoritären Kräften (zu denen insbesondere die AfD gehört) noch mehrere größere kapitalfreundliche Parteien zur Verfügung stehen, die jeweils die verschiedenen Interessen der unterschiedlichen Kapitalfraktionen bedienen.

Aber warum ist eine Theorie der Kapitalfraktion überhaupt notwendig? Eine Fehleinschätzung des politischen Kräfteverhältnisses innerhalb der Bourgeoisie kann zu schweren strategischen Fehlern für antifaschistische Kämpfe führen. So trug eine falsche Einschätzung der Kommunist:innen darüber, in welchem Umfang die Kapitalist:innenklasse den deutschen Faschismus unterstützte, zum Aufstieg der Nazis bei – mit katastrophalen welthistorischen Konsequenzen. Auf dem VI. Weltkongress der Kommunistischen Internationalen (Komintern) 1928 wurde der Faschismus als „Methode der unmittelbaren Diktatur der Bourgeoisie“ (zit. n. Sablowski 2008, Sp. 210) aufgefasst. Diese Bestimmung machte eine Bündnispolitik gegen den aufkommenden Faschismus mit bürgerlichen politischen Kräften praktisch unmöglich, da die Bourgeoisie als Ganzes für den Aufstieg des Faschismus verantwortlich gemacht wurde. Zugleich führte sie zur Gleichsetzung von bürgerlicher Demokratie und Faschismus sowie – in der berüchtigten „Sozialfaschismusthese“ – sogar zur Gleichsetzung der SPD mit dem Faschismus. Diese Einschätzung wurde mit der Dimitroff-These des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff auf der XIII. Tagung des Exekutivkomitees der Komintern 1933 korrigiert, wonach der Faschismus die „offene terroristische Diktatur“ einer bestimmten Kapitalfraktion darstellte, nämlich der „am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ (zit. n. Sablowski 2008, Sp. 210).

Auch wenn mit der Dimitroff-These der Faschismus auf die Herrschaft einer zahlenmäßig kleinen Elite reduziert wurde und damit breite Teile der deutschen Bevölkerung in gewisser Weise von der Unterstützung des Nazifaschismus entlastet wurden (Näheres dazu unten), bleibt ein zentraler Punkt richtig: Die politische Machtübertragung auf den Faschismus wurde nicht vom gesamten Kapital getragen, sondern von bestimmten Teilen. Diese Sicht wurde später auch durch die Arbeiten von Kurt Gossweiler, Alfred Sohn-Rethel und David Abraham bestätigt. Die Auffassung des Faschismus als Herrschaft einer bestimmten Kapitalfraktion und nicht des gesamten Kapitals machte schließlich den Weg frei für die Volksfrontpolitik der Komintern, also für eine breite Bündnispolitik, die auch antifaschistische Kräfte aus dem bürgerlichen Lager einschloss (vgl. Sablowski 2008, Sp. 210–211).

Kapitalfraktionen und die AfD

Ohne an dieser Stelle die Frage zu behandeln, ob die AfD als faschistisch einzuschätzen ist, stellt sich die Frage, ob und von welchen Teilen des Kapitals sie unterstützt wird.

Der Sozialwissenschaftler und Journalist Sebastian Friedrich hat im Oktober letzten Jahres zu dieser Frage in seinem Newsletter „Überrechts“ einen umfangreichen Artikel veröffentlicht (vgl. Friedrich 2025). Dabei bezieht er sich unter anderem auf die Arbeit des marxistisch orientierten Politikwissenschaftlers Thomas Sablowski zu den Positionen deutscher Wirtschaftsverbände zur Eurokrise ab dem Jahr 2010 (vgl. Heine und Sablowski 2013).

Beide kommen zu dem Ergebnis, dass sich das deutsche Kapital im Zuge der Eurokrise politisch entlang der Frage der Griechenland-Rettung spaltete. Die nicht-monopolistische, eher auf den deutschen Binnenmarkt orientierte Kapitalfraktion stellte sich gegen den Griechenland-Rettungskurs der Bundesregierung, weil sie fürchtete, die Rettungspolitik könnte über Steuern finanziert werden und so die Kaufkraft im Inland schwächen – also genau dort, wo ihre Absatzmärkte liegen. Transnational ausgerichtete Konzerne (etwa die Auto- oder die Maschinenbauindustrie) wollten die Eurozone hingegen stabilisieren, um ihre Exportmärkte zu sichern.

Diese Fraktionierung innerhalb der deutschen Bourgeoisie spiegelte sich auch in einer politischen Neusortierung wider: Während sich die Bundesregierung letztlich allen voran an den Interessen der transnational ausgerichteten Kapitalfraktion orientierte, scherte die national orientierte Kapitalfraktion aus dem hegemonialen politischen Block aus und unterstützte die neu gegründete AfD unter dem neoliberalen Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke.

Mit dem Abflauen der Eurokrise und dem deutlichen Rechtsruck der AfD änderte sich das jedoch. Auch die national orientierte Kapitalfraktion ging auf Distanz (vgl. Friedrich 2025). Der für diese Kapitalfraktion maßgebende Verband „Die Familienunternehmer“ rief vor der Bundestagswahl 2025 sogar ausdrücklich dazu auf, statt der AfD die „Wirtschaftswende-Parteien FDP, CDU und CSU“ (zit. n. Friedrich 2025) zu wählen.

Auch die jüngste Wiederannäherung des Verbandes „Die Familienunternehmer“ an die AfD im Oktober 2025 war unter Verbandsmitgliedern umstritten. Nach der Erklärung des Verbands, mit der AfD zu sprechen, traten Vorwerk, Rossmann und Fritz-Kola aus dem Verband aus (vgl. WDR 2025). Nach massiver öffentlicher Kritik ruderte die Präsidentin des Verbandes, Marie-Christine Ostermann, zurück und bezeichnete die Einladung der AfD zu Gesprächen im Rahmen eines „Parlamentarischen Abends“ als Fehler (vgl. tagesschau 2025).

Während Teile der kleinen und mittleren Unternehmen also mit der Partei liebäugeln, klafft zwischen den Verbänden des Großkapitals und der AfD nach wie vor ein Graben. Das zeigen zum einen die Parteispenden der Unternehmensverbände des Großkapitals: Zwischen 2020 und 2025 spendeten Verbände der Metall- und Elektroindustrie entweder an alle größeren „Mitte“-Parteien – Grüne, SPD, FDP und CDU sowie in Bayern auch an CSU und Freie Wähler – oder ausschließlich an FDP und Unionsparteien. Die AfD erhielt im betrachteten Zeitraum hingegen keine einzige Spende von Unternehmen oder Unternehmensverbänden, sondern ausschließlich von Privatpersonen (vgl. Deutscher Bundestag 2020; vgl. Deutscher Bundestag 2021; vgl. Deutscher Bundestag 2022: vgl. Deutscher Bundestag 2023; vgl. Deutscher Bundestag 2024; vgl. Deutscher Bundestag 2025). Zum anderen wird die Distanz auch in öffentlichen Stellungnahmen deutlich. Die Umsetzung des AfD-Wirtschaftsprogramms „wäre katastrophal für die deutsche Wirtschaft“ (zit. n. Olk und Specht 2025), so Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Er begründete dies mit den Plänen der AfD, Zuwanderung stark einzuschränken und aus der EU auszutreten (vgl. Olk und Specht 2025).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Teile der kleinen und mittleren Unternehmen zwar Sympathien für die Partei hegen, sie unterstützen sie jedoch bislang nicht offen. Zwischen den Verbänden des Großkapitals und der AfD besteht weiterhin ein klarer Abstand. Das bedeutet allerdings nicht, dass dieser Zustand für immer anhalten wird und es ist gut denkbar, dass auch die Unternehmensverbände der Großunternehmen – etwa im Zuge einer größeren Krise – sich gegenüber der AfD öffnen werden. Dieser Zustand ist jedoch, Stand jetzt, noch nicht erreicht.

Dimitroff revisited

Im Marxismus konkurrieren zwei Deutungsansätze zur Erklärung faschistischer Bewegungen. Der erste knüpft an Marx’ Bonapartismus-Analyse an und geht von einem Kräftegleichgewicht zwischen Arbeiter:innen- und Kapitalist:innenklasse aus. Um das Privateigentum an Produktionsmitteln vor einer revolutionären Arbeiter:innenbewegung zu sichern, verzichtet die Bourgeoisie auf ihre parlamentarisch vermittelte politische Herrschaft, um ihre ökonomische Herrschaft zu bewahren.

Diesem Gleichgewichtstheorem steht das Hegemonietheorem entgegen, ausgehend vom griechisch-französischen, marxistisch orientierten Politikwissenschaftler Nicos Poulantzas. Es beschreibt den Aufstieg des Faschismus in einer kapitalistischen Krise, in der die bestehenden Verhältnisse untragbar werden, während eine sozialistische Bewegung zu schwach ist, einen solidarischen und egalitären Weg aus der Krise zu weisen. In diesem Vakuum entstehen faschistische Massenbewegungen, die rechte Deutungsmuster aktivieren: Wenn es scheinbar „nicht genug für alle“ gibt, kann eine producerist ideology auf fruchtbaren Boden fallen, die entlang sozialdarwinistischer Linien zwischen den als produktiv geltenden deserving und den als parasitär geltenden undeserving unterscheidet (vgl. Solty 2024, S. 50).

Gleichgewichts- und Hegemonietheorem sollten nicht als Gegensätze verstanden werden, die sich gegenseitig ausschließen. Beide können zutreffen. Sie richten den Blick lediglich auf unterschiedliche Momente beim Aufstieg des Faschismus. Während der erste Ansatz stärker die Rolle der Herrschenden beim Aufstieg des Faschismus betont, richtet der zweite den Blick eher auf die – auch von den Herrschenden nicht einfach gesteuerten – gesellschaftlichen Prozesse, aus denen Faschismus „von unten“ entsteht. Für einen konkreten historischen Einzelfall kann eine Theorie aber richtiger als die andere sein. So beschreibt das Gleichgewichtstheorem beispielsweise den Aufstieg des italienischen Faschismus treffender als den des Nazismus.

Die These aus dem Leitantrag, dass das Kapital „bewusst faschistische und reaktionäre Kräfte“ fördere, ist klar dem ersten Ansatz zuzuordnen. Sie ähnelt der oben genannten Dimitroff-These insofern, als der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus sehr direkt und personal gedacht wird. Auch die Dimitroff-These gehört damit in den Strang der Gleichgewichtstheorien.

Ein Argument dafür, dass das Gleichgewichtstheorem (und damit die im Leitantrag vertretene These) für den heutigen Aufstieg der AfD aber wenig zutreffend ist, ist die Tatsache, dass wir es aktuell in Deutschland und im Westen nicht mit einer Situation zu tun haben, wie sie dieser erste Ansatz beschreibt. Eine sozialistische Arbeiter:innenbewegung, die das kapitalistische Privateigentum ernsthaft angreifen könnte, existiert nicht. Deshalb ist es auch naheliegend, dass die Bourgeoisie nicht die „Notbremse“ des Faschismus zieht und die repräsentative Demokratie abschaffen möchte.

Der marxistische Politikwissenschaftler und Faschismusforscher Reinhard Kühnl kritisierte die an Dimitroff (und folglich die am Gleichgewichtstheorem) angelehnten Faschismustheorien mit folgenden Worten:

„Die in der Tat bestehende Kausalbeziehung zwischen Kapitalismus und Faschismus wird hier allzu direkt und personalistisch-voluntaristisch aufgefaßt, so daß die Nähe zu Verschwörungstheorien nicht zu übersehen ist. Tatsächlich muß diese Beziehung stärker als eine vermittelte und strukturelle gesehen werden: Nicht die direkte Unterstützung des Großkapitals bewirkte den Aufstieg des Faschismus, sondern die im kapitalistischen System begründete Wirtschaftskrise trieb die verängstigten Massen, vorab die proletarisierten oder von der Proletarisierung bedrohten Mittelschichten, zum Faschismus, der ihnen soziale Sicherheit und nationales Prestige versprach. Erst als sich der Faschismus zur Massenbewegung formiert hatte, setzte die Unterstützung des Großkapitals in größerem Umfang ein, die dann freilich die Propagandamöglichkeiten des Faschismus weiter verstärkte und seinen Aufstieg beschleunigte. Daß der Faschismus überhaupt so viele Anhänger gewinnen konnte, liegt darin begründet, daß der Kapitalismus permanent autoritäre und irrationale Denk- und Verhaltensformen produziert und also die Massen ideologisch auf den Faschismus schon vorbereitet hatte“ (Kühnl 1990, S. 249–250, Hervorh. im Orig.).

Kühnl liefert damit wichtige Stichpunkte für die Diskussion über den heutigen Aufstieg der extremen Rechten in der westlichen Welt. Ohne hier einen vollständigen Überblick über die Forschung geben zu können, möchte ich einige Aspekte zumindest stichpunktartig nennen:

  • Neoliberalisierung der sozialdemokratischen Parteien und damit einhergehender Hegemonieverlust dieser Parteien über die Arbeiter:innenklasse (vgl. Becher 2021, S. 103–106; vgl. Wiegel 2024, S. 44)
  • Gefühl des Kontrollverlusts durch erhöhte Gefahr des ökonomischen Abstiegs („Abstiegsgesellschaft“) und durch die Unfähigkeit zur Krisenlösung durch die Herrschenden (vgl. Becher 2021, S. 108; vgl. Candeias 2025, S. 140; vgl. Wiegel 2024, S. 46–48)
  • Verinnerlichung neoliberaler und damit verbundener sozialdarwinistischer Denkmuster (vgl. Becher 2021, S. 109; vgl. Wiegel 2024, S. 45)

Diesen Erklärungen ist gemeinsam, dass sie den Zusammenhang zwischen Kapitalismus beziehungsweise der herrschenden Klasse und dem Faschismus als indirekt beschreiben. Also nicht so:


Sondern eher so:


Dabei gilt, dass die Herrschenden nicht einfach aus freiem Entschluss oder bloßer Profitgier handeln, sondern sie sind selbst Getriebene der unpersönlichen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus, inklusive seiner wirtschaftlichen Krisen, die von diesen Gesetzen hervorgebracht werden. Soll heißen: Wir müssen uns mit dem unheimlichen Gedanken anfreunden, dass niemand den Aufstieg der extremen Rechten bewusst herbeiführt, sondern er die Ausgeburt des unkontrollierbaren Monsters namens Kapitalismus ist.

Quellen:

Becher, Phillip (2021). Rechtspopulismus. 2., aktualisierte Auf. Köln: PapyRossa Verlag.

Candeias, Mario (2025): Monster verstehen. Eine Chronik des Interregnums. Hamburg: Argument Verlag.

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