Politische Bildungsarbeit in der Linksjugend ['solid] – ein (persönlicher) Befund

Politische Bildungsarbeit in der Linksjugend ['solid] – ein (persönlicher) Befund

Beitrag von Michael Ulbig, BG Fürth.

Der folgende Text ist eine Reaktion auf Erfahrungen, die auf dem Bildungswochenende der Linksjugend ['solid] Bayern und der Herbstakademie des Bundesverbandes gemacht wurden. Dort zeigte sich deutlich, dass ein Teil der Teilnehmenden Schwierigkeiten hatte, mit den bereitgestellten Texten zu arbeiten. Diese Beobachtung ist kein isoliertes Ereignis, sondern Ausdruck einer tieferliegenden Entwicklung, die sowohl gesellschaftlich als auch verbandlich wirksam ist. Um diese Entwicklung einzuordnen, wird im Folgenden bewusst auch eine persönliche Perspektive eingenommen. Dies dient nicht dazu, um daraus Autorität abzuleiten, sondern um transparent zu machen aus welcher Perspektive der Artikel geschrieben ist. Meine Thesen sind aufgrund meiner Erfahrungen weder valider noch weniger korrekt als andere. Ebenso halte ich nichts von einem „Sprechort“-Argument, das Positionen allein aufgrund biografischer Zuschreibungen auf- oder abwertet.

Ich bin Arbeiterkind und weder meine Eltern noch meine Großeltern haben ein Gymnasium, geschweige denn eine Universität besucht. Meine eigene Schulbiografie war lange Zeit stark von Misserfolgen im Lesen und Schreiben geprägt. In Deutsch bewegten sich meine Noten in Aufsätzen über die gesamte Schulzeit hinweg überwiegend im Bereich von vier bis sechs. Hinzu kam, dass ich mit ADS lebe, was sich insbesondere beim Lesen bemerkbar macht. Es kam und kommt häufig vor, dass die Augen zwar dem Text folgen, der Kopf jedoch woanders ist und deswegen kein Inhalt aufgenommen wird. Teilweise passiert es mir, dass ich mehrere Seiten „lese“, ohne den Inhalt bewusst wahrzunehmen. Das bedeutet oft nochmal von vorne zu beginnen. Das Beschäftigen mit Texten zu lesen oder zu schreiben war bei mir also immer mit Frustration verbunden. Deswegen las ich in meiner Freizeit wenig und hörte vor allem Hörbücher. Trotz eines starken Interesses an Geschichte entschied ich mich nach dem Abitur genau wegen meiner Schwierigkeiten dabei gegen ein geisteswissenschaftliches Studium und stattdessen für ein naturwissenschaftliches/ingenieurwissenschaftliches Fach (Chemical Engineering). Diese Entscheidung basierte auf einer realistischen Einschätzung meiner Fähigkeiten zu diesem Zeitpunkt. Auch im Nachhinein würde ich sagen, dass ich zu dem Zeitpunkt sicher gescheitert wäre. Daraus folgend nahm meine Beschäftigung mit längeren Texten nach dem Abitur deutlich ab. Im Studium hatte ich nichts damit zu tun, in meiner Freizeit hörte ich Hörbücher/Podcasts oder schaute mir Filme oder Serien an und politisch organisiert war ich noch nicht. Erst als ich der Linksjugend ['solid] beigetreten bin und aktiv wurde, änderte sich dies grundlegend. Dort spielte Theorie, Geschichte und politische Bildung eine zentrale Rolle, und es entstand bei mir der Wunsch, diese Inhalte wirklich zu verstehen. Durch die Teilnahme an Lesekreisen, Workshops und eigenständigem Selbststudium, sowie dem Schreiben von Reden und Facebook/Instagram-Texten verbesserte sich meine Lesekompetenz schrittweise. Mit der Zeit wuchs nicht nur mein Verständnis, sondern auch mein Selbstvertrauen. Dies führte schließlich zu dem Entschluss, mein Studium abzubrechen und Geschichte/Soziologie im 2-Fach-Bachelor zu studieren.

Unabhängig von individuellen Biografien lassen sich gesellschaftliche Tendenzen beobachten, die für politische Bildungsarbeit im Verband relevant sind. Lesekompetenz und Aufmerksamkeitsspannen nehmen nachweislich ab. Es wird seltener über längere Zeit am Stück gelesen und der Konsum kurzer Texte wie etwa über Instagram-Slides oder WhatsApp-Nachrichten ersetzt zunehmend die Auseinandersetzung mit längeren, komplexeren Texten. Diese Formen des Lesens sind nicht gleichzusetzen mit dem Lesen eines längeren Artikels, Papers oder eines Buches: Wer kurze Informationsfragmente konsumiert, trainiert andere Fähigkeiten als jemand, der argumentativ dichte Texte erschließt.

Diese Dynamiken wirken sich auch auf politische Verbände aus. Workshopkonzepte, die über Jahre hinweg gut funktioniert haben, stoßen zunehmend an Grenzen, weil ein Teil der Teilnehmenden mit den Textanforderungen überfordert ist. Auf dem Bildungswochenende der Linksjugend ['solid] Bayern wurde dies besonders deutlich. Zum Beispiel wurde der „Drei Quellen des Marxismus“-Text von Lenin als zu schwer bezeichnet. Die Forderungen im Feedback waren dann, dass es mehr mündlichen Input und weniger Textarbeit geben sollte oder das Niveau der Texte für alle sinken sollte. Begründet wurde das über Inklusion von Menschen mit geringerem Bildungsstand, von Nicht-Muttersprachler:innen oder Menschen mit Lese-Rechtsschreib-Schwäche. Diese Probleme und auch die Forderungen dürfen nicht ignoriert werden. Dennoch stellt sich die Frage, wie darauf reagiert werden soll, ohne das Bildungsniveau insgesamt für alle drastisch abzusenken.

Aus meiner Sicht sollte das Niveau politischer Bildungsarbeit nicht für alle sinken. Für den Verband sind theoretische Debatten auf hohem Niveau essenziell. Stattdessen sollte das Ziel sein, Mitglieder wieder zu befähigen, Texte zu lesen, zu verstehen und sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein historischer Exkurs macht dies deutlich: Die Bolschewiki standen nach der Oktoberrevolution vor der Aufgabe, eine überwiegend analphabetische, bäuerliche Bevölkerung für marxistische Theorie zu gewinnen. Ihre Antwort war nicht, Marx zu vereinfachen oder nur noch mündlich oder in Form von Karikaturen zu vermitteln, sondern eine massive Alphabetisierungskampagne zu starten. Dies geschah aus der Überzeugung heraus, dass alle Marx lesen können, wenn man es ihnen beibringt und sie es auch sollten, weil nur so Emanzipation möglich ist. Ziel politischer Bildung im Verband sollte nicht bloße Wissensvermittlung sein, sondern auch Mitglieder darin zu stärken, sich selbstständig eine Meinung zu bilden. Inhalte mehr aufzubereiten führt fast zwangsläufig zu mehr Interpretation durch die Referent:innen und damit zu einer Form der Bildung, die dieses Ziel verfehlt. Polemisch zugespitzt lässt sich sagen, dass PowerPoint-Folien, TikToks und Instaslides autoritär sind, während Texte lesen und in Gruppenarbeit diskutieren antiautoritär ist.

Gleichzeitig wäre ein „Weiter so“ fahrlässig. Ohne Anpassungen werden Genoss:innen auf der Strecke bleiben oder Bildungsangebote aktiv boykottieren. Deshalb braucht es strukturelle Veränderungen, die anspruchsvolle Bildung weiter möglich macht und allen dabei hilft, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern, um sicherzustellen, dass sich keine Wissenshierarchien weiter verfestigen. Anforderungen an Workshops sollten transparenter kommuniziert werden. Sofern möglich, sollten zeitgleich Workshops unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade angeboten werden, sodass für jedes Niveau etwas angeboten wird und Genoss:innen, die sich schwertun, nicht überfordert werden. Es braucht außerdem mehr Zeit für Lesephasen, damit Menschen mit weniger Lesekompetenz nicht abgehängt werden. Ebenso kann es sinnvoll sein, für langsamere Leser:innen zu markieren, welche Passagen in einem Text besonders relevant sind, damit die Person in der Gruppenarbeit auch mitdiskutieren kann, wenn sie es nicht schafft den ganzen Text zu lesen. Glossare, in denen zentrale Begriffe verständlich erklärt werden, wären auch eine gute Idee und es kann manchmal auch schon helfen, einem Text eine zugänglichere Absatzstruktur zu geben, Passagen fett zu markieren und Unterüberschriften einzufügen. Zusätzlich wäre es eine Idee, eigenständige Workshops anzubieten, die gezielt Lesekompetenz fördern. Zudem wäre sicher auch hilfreich, nicht immer nur Sachtexte zu lesen, sondern auch mal etwas mehr Romane, die Inhalt transportieren, um politisches Lesen auch unterhaltsamer zu gestalten. Während Lesephasen sollte, wenn möglich, das gemeinsame Lesen in Kleingruppen angeboten werden, also Abschnitt für Abschnitt in der Gruppe laut lesen, um Verständnis zu sichern und Hemmschwellen für Fragen abzubauen. Das ist allerdings etwas, was durch Räumlichkeiten begrenzt ist und tendenziell im Sommer bei gutem Wetter besser funktioniert als im Winter. Auch eine Möglichkeit wäre, Texte zu vertonen, damit Menschen mit einem guten Hörgedächtnis dabei geholfen wird besser den Text zu erfassen, während sie ihn lesen.

Politische Bildungsarbeit im Verband steht vor der Herausforderung, auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen zu reagieren, ohne ihren eigenen Anspruch aufzugeben. Meine Biografie bestärkt mich dabei in meiner Haltung, dass alle dazu in der Lage sind, ihre Fähigkeiten zu verbessern, wenn der Wille dazu da ist und ihnen die Möglichkeit gegeben wird. Ein Menschenbild, was Begabung essenzialisiert und Menschen auf ewig einteilt, lehne ich ab. Daraus folgt, dass der Verband den Anspruch haben sollte, Menschen nicht dort zu lassen, wo die bürgerliche Gesellschaft sie stehen gelassen hat, sondern sie ermutigen sollte, sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien!