Praxisbericht aus Köln: Organizing in Chorweiler

Praxisbericht aus Köln: Organizing in Chorweiler

Gastbeitrag von Katja, Sprecher:in BG Köln.

Wir als Linksjugend Köln haben Ende letzten Jahres ein Organizing-Projekt gestartet. Seit mehreren Jahren engagieren wir uns schon mit Stadtteilarbeit in Chorweiler, einem prekären und von der Politik abgehängten Stadtteil in Köln. Nun bringen wir diese Arbeit auf ein neues Level.

Dabei fokussieren wir uns auf einen Wohnblock in der Osloer Straße mit drei Hochhäusern und insgesamt 55 Stockwerken. Während alle umliegenden Gebäude von der GAG, der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft, aufgekauft und renoviert wurden, herrschen hier noch grauenhafte Zustände. Von Schimmel, Parasiten, Wasserschäden bis hin zu nicht funktionierenden Aufzügen haben wir hier schon alles gesehen. Dazu kommt dann noch die ständig wechselnde Hausverwaltung, die Beschwerden komplett ignoriert oder erst nach teilweise jahrelangem Warten bearbeitet.

Schon ein paar Monate beschäftigten wir uns intensiv mit dem Konzept Organizing. Dabei geht es darum, Leuten die Macht zu geben, sich selbst zu emanzipieren. Jetzt gilt es, das Gelernte umzusetzen. Wir befinden uns erst in der Startphase. Aktuell geht es viel darum, Kontakte aufzubauen. Dafür geht es zuerst wieder einmal an die Haustüren. Seit Anfang Januar sind wir wieder von Tür zu Tür unterwegs. Dort wollen wir Leute agitieren, ihre Kontakte sammeln und sie in unser Projekt einbinden. Vor allem laden wir sie zunächst zu unser ersten Mieter:innenversammlung ein, die Anfang März stattfindet. Geplant ist, dort einen gemeinsamen Brief mit Beschwerden aus allen drei Häusern zu verfassen. Indem wir diesen dann herumgeben und Unterschriften sammeln, probieren wir erste organische Führungspersonen auszubilden, die das Projekt mit uns weiter aufbauen. Ziel dabei ist es, am Ende eine endgültige Mehrheit zu erreichen. Wir brauchen die Teilnahme fast aller Mieter:innen, nur so können wir die Umstände dort verbessern.

Auch intern muss viel passieren: Ob Recherche über den Vermieter, Kontakt halten mit interessierten Mieter:innen oder auch das Entwickeln von Programmen für das Festhalten der Daten. Im Projekt gibt es aktuell zwei Teams: Das Team Recherche, das Informationen zu vorherigen Projekten, Organisationen vor Ort, dem Vermieter und der Presse heraussuchen, und das Team Mapping, das einerseits interne Informationen (wie zum Beispiel verschiedene Sprachkenntnisse) und andererseits externe Informationen (wie zum Beispiel die vermutlichen organischen Führungspersonen) verzeichnet. Ebenfalls sind wir in Kontakt mit der Mieter:innenberatung der Partei, die uns Informationen über die Rechtslage gibt.

Aktuell sind wir dabei „Stockwerksbeauftragte“ zu finden. Diese sind dann dafür zuständig, einen Überblick über je fünf Stockwerke zu behalten und dafür zu sorgen, dass mit interessierten Mieter:innen regelmäßig Kontakt gehalten wird, denn Beziehungsarbeit ist das Wichtigste am Organizing. Man muss Leuten vermitteln, dass man gemeinsam arbeitet. Wir sind nicht da, um den Mieter:innen eine Dienstleistung anzubieten. Stattdessen wollen wir sie dabei unterstützen, sich zusammenzutun und selbst zu handeln. Aktuell stoßen wir noch auf viele Probleme: Sprachbarrieren, kaum Kontakte zwischen den Mieter:innen und die Enttäuschung vom Versagen vorheriger Projekte machen es schwer, eine gemeinsame Kampagne aufzubauen. Momentan suchen wir Mitglieder, die viele Sprachen sprechen, um auch Leute, die kaum oder kein Deutsch sprechen, beim zweiten Klopfen zu erreichen. Ebenfalls ist der Plan, mit diesem Projekt eine stärkere Gemeinschaft in den Häusern entstehen zu lassen.

Doch auch schon jetzt begegnen uns so viele wütende Menschen, die keine Lust mehr haben, so zu leben, und die bereit sind, für Veränderung zu kämpfen. Wie genau wir Veränderung erreichen, also unser „Plan to Win“, ist momentan noch in der Entwicklung. Doch mit Presse, Stadtrat und Rechtsmitteln sind wir dabei, gemeinsam Möglichkeiten zu finden, gegen den Vermieter vorzugehen und die nächsten Schritte unseres Projektes anzugehen. Dauern wird das ganze mehrere Jahre aber sowohl wir als auch die Mieter:innen sind bereit, diesen Kampf anzugehen.