Prostitution als feministische Streitfrage in Partei und Jugendverband
(Gast)beitrag von Esther Ehrenpreis (nicht-MN) und Michael Ulbig (MN), BG Fürth.
Spätestens seit Julia Klöckners Aussage, Deutschland sei der „Puff Europas“, ist eines klar: Prostitution ist erneut ein Thema, was gesellschaftlich breit diskutiert wird.
Dabei werden mehrere Positionen deutlich. Im Zentrum steht die Frage, ob das bisherige deutsche Modell (eine regulierte, legale Sexarbeit) im Grundsatz beibehalten werden soll oder ob ein Sexkaufverbot nach dem „Nordischen Modell“ eingeführt werden sollte.
Aktuell ist Prostitution in Deutschland seit 2002 grundsätzlich legal, sofern sie freiwillig und von volljährigen Personen ausgeübt wird. Sexarbeiter:innen haben theoretisch Anspruch auf soziale Absicherung und arbeitsrechtlichen Schutz. Mit dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017 wurden zusätzliche Auflagen eingeführt, etwa eine Anmeldepflicht für Sexarbeiter:innen und Genehmigungen für Betriebe. Kritiker:innen sehen jedoch weiterhin große Schutzlücken, insbesondere für vulnerable Personen.
Befürworter:innen eines Sexkaufverbots argumentieren, dass Prostitution in der Realität häufig nicht selbstbestimmt sei. Viele Betroffene befänden sich in prekären Lebenslagen oder durch Armut, (patriarchale) Abhängigkeiten oder direkte Gewalt in die Sexarbeit gedrängt. Das Nordische Modell setzt deshalb nicht bei den Prostituierten selbst an, sondern kriminalisiert den Kauf sexueller Dienstleistungen sowie Zuhälterei und Bordellbetrieb. Ziel ist es, die Nachfrage nach Prostitution zu senken, ausbeuterische Strukturen zu schwächen und ein gesellschaftliches Signal zu senden, dass der Kauf von Sex nicht akzeptabel ist. Gleichzeitig betonen die Befürworter:innen des Nordischen Modells, dass begleitende Hilfs- und Ausstiegsangebote notwendig seien, um betroffenen Frauen realistische Alternativen zu bieten.
Demgegenüber kritisieren Gegner:innen des Nordischen Modellssowie einige Sexarbeiter:innen das Nordische Modell scharf. Sie warnen davor, dass ein Sexkaufverbot die Situation nicht verbessere, sondern verschlechtere. Ihrer Ansicht nach würde die Prostitution dadurch in den Untergrund gedrängt, was einerseits sichere Arbeitsorte zerstören würde und Sexarbeiter:innen stärker der Gewalt, Erpressung und Willkür aussetzen würde. Wenn der Kauf von Sex verboten wäre, würden sich Treffen in unsichere, schwer kontrollierbare Räume verlegen. Zudem betonen die Gegner:innen, dass viele Sexarbeiter:innen ihre Tätigkeit bewusst gewählt hätten oder aus unterschiedlichen Gründen nicht einfach aussteigen könnten. Ein Verbot entmündige die Betroffenen. Stattdessen fordern sie bessere Arbeitsbedingungen, weniger Stigmatisierung, mehr Rechte sowie gut ausgestattete Beratungs- und Unterstützungsangebote.
Diskussion in der Partei
In der Partei Die Linke ist das Thema hoch umstritten. Auf keinem Bundesparteitag wurde jemals eine Position verabschiedet. Es existieren nur Fraktionsbeschlüsse dazu.
Dass das Thema auch ungern angefasst wird, konnte man zum Beispiel daran sehen, dass 2025 auf dem Bundesparteitag Anträge nicht priorisiert und aus Zeitmangel dann an den Parteirat überwiesen wurden. Dieser hatte aber ebenso zu große Angst, sich damit zu befassen und schob den Antrag lieber in die feministische Kommission, um dort weiter darüber zu debattieren. Es sind in der Regel nur Bundes- und Landesarbeitsgemeinschaften, Einzelpersonen oder Netzwerke, die sich öffentlich dazu äußern.
Dabei treten Arbeitsgemeinschaften „Queer“ häufig als starke Gegner:innen von abolitionistischen Ansätzen auf, während in der BAG LISA (einer autonomen Frauenstruktur innerhalb der Partei) oder ähnlichen Strukturen diese Ansätze eher befürwortet werden. Zudem gibt es das Netzwerk „Linke gegen Prostitution“,1welches sehr vehement für ein Nordisches Modell eintritt. Dieses Netzwerk ist innerhalb des letzten Jahres stark gewachsen, hat sich professionalisiert und auch stark verjüngt. Das Netzwerk konnte auch vor kurzem einen Erfolg verbuchen, als der Parteivorstand im November 2025 beschlossen hat, dass „bei der Besetzung von Podien gilt, dass keine Freier und keine Unternehmerverbände auf Podien eingeladen werden.“2 Gerade im Zuge des Programmprozesses werden die Debatten in der Partei besonders spannend zu beobachten sein.
Diskussion im Jugendverband
Im Jugendverband war das Thema Sexarbeit/Prostitution mindestens seit der Gründung der Linksjugend ['solid] ein kontroverses Thema.
Die Mehrheiten dazu waren auch nie stabil. Beispielsweise hatte 2016 ein Antrag mit dem Titel „Solidarität mit Sexarbeiter:innen“3eine knappe Mehrheit und somit auch eine lautstarke Minderheit, sodass am gleichen Bundeskongress noch ein Dringlichkeitsantrag4beschlossen wurde, der die Stimmung abfedern musste. Deshalb wurde in einem längeren Prozess schließlich ein Kompromissantrag5erarbeitet, der dann 2021 letztendlich mit großer Mehrheit beschlossen wurde und auch bis heute gültig ist.
Im Antrag lässt sich an vielen Stellen erkennen, dass hier bewusst Formulierungen gewählt wurden, die für beide Seiten einen Kompromiss darstellen. Besonders eindrücklich sieht man es an folgender Formulierung: „Prostitution ist eine Arbeitsform, in der die gesellschaftlichen Herrschaftsformen aufgrund der inhärenten Geschlechtlichkeit besonders stark wirken.“ Damit wird einerseits auf die liberale Fraktion zugegangen, indem Prostitution als „Arbeitsform“ bezeichnet wird, aber auch gleichzeitig die Gegenseite befriedigt, indem diese direkt eingeordnet wird und eben nicht als „normale“ Arbeit bezeichnet wird. Auch wird nur davon gesprochen das „bestehende Freiertum“ zu beenden und nicht Freiertum im Allgemeinen. Zudem sind klassische Konsensforderungen enthalten auf die sich sowohl Aktivist:innen, die sich für das Nordische Modell einsetzen als auch liberale Organisationen einigen können, wie die Aufhebung des Blutspendeverbots, stärkere Aufklärung oder Ermöglichung von Selbstorganisation. Bei der Frage um das Sexkaufverbot wurde der Kompromiss gefunden, Sexkauf nur als Antragsdelikt strafbar zu machen, um polizeiliche Willkür zu verhindern. Damit werden valide Argumente von Kritiker:innen des Nordischen Modells aufgegriffen. Wie wirksam eine Freierbestrafung dann noch ist, ist aber unklar. Eine größere Debatte in breiter Öffentlichkeit hat dazu noch nicht stattgefunden, da neben der Linksjugend ['solid] keine andere große Organisation diese Forderung aufstellt.
Aus heutiger Sicht wäre am Beschluss zu kritisieren, dass er nicht die besondere Ausbeutung von trans Personen oder rassifizierten Menschen eingehtund das Thema auch nicht mit einer progressiven Drogenpolitik verbindet.Nach dem Beschluss ist allerdings auch wenig Praxis oder Öffentlichkeitsarbeit passiert, da im Verband das Thema weiterhin als kontrovers gilt und Strukturen sich aus Angst vor Shitstorms oder strukturinternen Konflikten selten getraut haben, sich zu äußern. Deshalb ist der Beschluss Neumitgliedern oder Menschen außerhalb des Verbandes in der Regel nicht bekannt.
In jüngerer Vergangenheit ändert sich das aber langsam. Ein Grund dafür war auch die Debatte zu Pornografie und der Diskurs dazu, der radikalfeministische Positionen allgemein weiter normalisiert hat. Seit der großen Eintrittswelle 2024/25 flammt die Debatte um Prostitution immer wieder auf. Die Debatten im Forum der Linksjugend ['solid] oder das Like-Verhalten von Einzelpersonen auf Instagram zeigen auch, dass das Thema nicht an den üblichen Strömungslinien verläuft. Während innerhalb des Marxistischen Netzwerks und des BAK Shalom die Position eher in Richtung Abolitionismus tendiert, finden sich sowohl im BAK Klassenkampf als auch im BAK Libertäre Plattform beide Pole wieder. Lediglich im relativ neuen BAK ANTI scheint eine „sexpositive“ Einstellung (d.h. eine Einstellung, die der Prostitution eher unkritisch gegenübersteht) zu dominieren. In letzter Zeit äußerten sich auch der Landesverband Thüringen6und Bayern7öffentlich und die Basisgruppe Köln organisierte eine Veranstaltung zu struktureller Gewalt in der Prostitution.8Besonders zu würdigen ist ein Beschluss der Linksjugend ['solid] Saarland,9der die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen als „mit den feministischen und emanzipatorischen Selbstverständnis [der Linksjugend ['solid] Saarland, Anm. d. Verf.] unvereinbar“ definiert.
Wir begrüßen diese Entwicklungen im Verband und hoffen, dass der Jugendverband sich auch beim Programmprozess der Partei auch als Struktur mehr einbringt und nicht nur einzelne Personen sich in der Partei dafür engagieren.
Quellen:
1siehe dazu: https://linke-gegen-prostitution.de/
3siehe dazu: https://www.linksjugend-solid.de/beschluss/solidaritaet-mit-sexarbeiterinnen/
4siehe dazu: https://www.linksjugend-solid.de/beschluss/weiterfuehrung-der-debatte-ueber-prostitution-sexarbeit/
5siehe dazu: https://www.linksjugend-solid.de/beschluss/freier-sein-ist-nicht-woke/
6siehe dazu: https://www.instagram.com/p/DRVMW0IDVoQ/?igsh=MXMxZ2xvbXp3ODhyYQ
7siehe dazu: https://www.instagram.com/p/DRg4zW_DIYn/?igsh=NTVzb29weGVsOHhx
8siehe dazu: https://www.instagram.com/p/DQ9C155DGRl/?igsh=MW1qdzBtdGhscDAzZQ
9siehe dazu:https://linksjugend-saar.de/wp-content/uploads/2025/10/Antrag2_LMV_2025.pdf