Täterschutz in linken Organisationen

Täterschutz in linken Organisationen

Beitrag von Nele Vacariu, BG Allgäu.

Auf dem letzten Bundeskongress wurde ein Antrag angenommen, der die Zusammenarbeit der Linksjugend ['solid] mit der „Föderation klassenkämpferischer Organisationen“ (FKO) sowie dem „Kommunistischen Aufbau“ (KA) ausschließt, beides Organisationen, mit denen vor allem auf Basisgruppenebene Bündnisse bestanden, beispielsweise in Regensburg1oder Hannover.2 Der Vorwurf: Die Organisationen decken sexuell übergriffige Genossen systematisch.

Täterschutz in „roten“ Gruppen

Die Vorwürfe gegen FKO und KA wurden Ende 2024 auf der Instagramseite @stoppt_taeter erstmals veröffentlicht. Den Organisationen wird vorgeworfen, patriarchale Gewalt, unter anderem gegen Minderjährige, in ihren Reihen zu dulden und zu vertuschen, während Betroffene zum Schweigen gebracht und ausgeschlossen werden.3Die Aufarbeitung der Vorfälle ist unzureichend, die Statements der FKO waren wenig aussagekräftig und ließen an Einsicht mangeln.4

Aus diesem Grund wurde die FKO lokal aus Bündnissen entfernt, beispielsweise beim Ersten-Mai-Bündnis in Leipzig, wo sie sich trotz einer entgegengesetzten Absprache beteiligte und auch wieder „patriarchales Fehlverhalten“5 an den Tag legte.

Die Debatte um die Unvereinbarkeit

Dem Beschluss auf dem letzten Bundeskongress ging eine Debatte um das Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“ und um die Mitgliedschaft der Linksjugend in diesem voraus. Unter dem Bundessprecher:innenrat 2024/25 trat die Linksjugend dem Bündnis bei, um dann später aufgrund der bekannten Täterschutzvorwürfe gegen die FKO, die mit der „Internationalen Jugend“ (IJ) und dem „Studierendenkollektiv“ im Bündnis vertreten sind,6 aus dem Bündnis auszutreten.

Auf dem Bundeskongress positionierte sich eine breite, strömungsübergreifende Mehrheit für den Beschluss. Gegen den Beschluss positionierten sich vor allem Delegierte des SDS und aus Sachsen-Anhalt sowie Minderheiten aus Nordrhein-Westfalen und Bayern. Aus letzterer wurde behauptet, man wolle „keine Täter schützen, aber“, wobei nach dem „aber“ eine Zusammenarbeit mit FKO und KA gerechtfertigt wurde.

Täter(-schutz) in der Linkspartei und der Linksjugend

Auch die Partei Die Linke und die Linksjugend ['solid] haben eine unrühmliche Geschichte, was dieses Thema betrifft. Im April 2022 wurden mehrere Vorwürfe sexueller Übergriffe und des Täterschutzes innerhalb der Linkspartei enthüllt, vor allem im Landesverband Hessen.7 Insbesondere Janine Wissler, zum Zeitpunkt der Übergriffe noch Fraktionsvorsitzende im Hessischen Landtag, spielte eine unrühmliche Rolle: Sie wurde frühzeitig über die Vorwürfe informiert, griff aber nicht ein.

Der erste öffentlich bekannte Fall jedoch geschah in Bayern: Gegen den linken Nürnberger Stadtrat Titus Schüller, heute OB-Kandidat, wurden von verschiedenen Personen Vorwürfewegenübergriffigen Verhaltens erhoben. Aus den Kreisen der Nürnberger Partei wurde den Betroffenen die geistige Zurechnungsfähigkeit abgesprochen, während auf der anderen Seite die Fähigkeiten und die gute politische Arbeit des Beschuldigten hervorgehoben wurden.8

Prävention in Partei und Jugendverband

Hier zeigt sich bereits ein eklatantes Problem: Genossen, vor allem männliche Kader, können schnell aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer Arbeit und ihren Netzwerken die Struktur, der sie vorstehen, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu sich bringen. Wenn der Genosse übergriffig wird, stellt man sich im Zweifel auf seine Seite, um seine Fähigkeiten und seine Arbeit nicht zu „verlieren“ oder um die Genoss:innen, mit denen dieser vernetzt ist, nicht gegen sich aufzubringen. Aus diesem Grund ist es vor allem aus feministischer Perspektive wichtig, bei der Kaderförderung eine Zentralisierung auf eine oder wenige Personen, vor allem Männer, dringend zu verhindern. Stattdessen sollte ein höherer Wert auf den Abbau von Wissenshierarchien gelegt werden. Daher ist der Ausbau politischer Bildung ein wichtiger Punkt. Ebenfalls wichtig wäre es, verstärkt Frauen und TINA*-Personen zu Kadern auszubilden und die FLINTA*-Vernetzung in Partei und Jugendverband stärker auszubauen, um männlich dominierten Netzwerken etwas entgegensetzen zu können.

Des Weiteren ist ein Neuaufbau der Awarenessstrukturen in der Linksjugend dringend geboten. Die aktuell bestehenden Awarenessstrukturen wurden nach Bekanntwerden von #LinkeMeToo schnell aus dem Boden gestampft, haben sich aber nicht wirklich als nachhaltig erwiesen. Im Jugendverband besteht seit Jahren eine hitzige Auseinandersetzung um die Awarenessarbeit, die 2023 mit dem Beschluss des Länderrats zur Auflösung der AG Awareness einen vorläufigen Höhepunkt nahm. Diese Debatte kocht jedoch immer wieder hoch, weswegen der Bundessprecher:innenrat Ende 2025 beschlossen hat, ein externes Awarenessteam für den bevorstehenden Präsenz-Bundeskongress zu engagieren, da das Vertrauen in die bisherigen Awarenessstrukturen nicht mehr gegeben ist.

Auf jeden Fall steht fest, dass in der Linksjugend in verschiedensten Bereichen viel Nachholbedarf bezüglich feministischer Verbandsentwicklung herrscht.

Fußnoten:

1 vgl. https://www.instagram.com/p/DP_hTOaiDXj/

2 vgl. https://www.instagram.com/p/DRFKGOcjPdQ/?img_index=1, hier Collabpost mit der FKO-Struktur IJ

3 vgl. https://www.instagram.com/p/DE2mwvniyF0/?img_index=1

4 vgl. https://fkoonline.org/2026/01/unsere-arbeit-zu-patriarchalem-fehlverhalten-und-gewalt-was-ist-im-letzten-jahr-passiert/

5 https://www.instagram.com/p/DJHX0dViIeY/?img_index=4

6 vgl. https://neinzurwehrpflicht.wordpress.com/ueber-uns/

7 vgl. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-linke-vorwurf-sexueller-uebergriffe-in-hessen-betroffene-auessern-sich-erstmals-a-d6e768e4-eec7-4aec-ba16-bfa6337d3723

8 vgl. https://www.instagram.com/p/CUauDJKsG8o/