Täterschutz in linken Organisationen

Täterschutz in linken Organisationen

Beitrag von Nele Vacariu, BG Allgäu.

Auf dem letzten Bundeskongress wurde ein Antrag angenommen, der die Zusammenarbeit der Linksjugend [’solid] mit der „Föderation klassenkämpferischer Organisationen“ (FKO) sowie dem „Kommunistischen Aufbau“ (KA) ausschließt, beides Organisationen, mit denen vor allem auf Basisgruppenebene Bündnisse bestanden, beispielsweise in Regensburg[1] oder Hannover[2]. Der Vorwurf: Die Organisationen decken sexuell übergriffige Genossen systematisch.

Täterschutz in „roten“ Gruppen

Die Vorwürfe gegen FKO und KA wurden Ende 2024 auf der Instagramseite @stoppt_taeter erstmals veröffentlicht. Den Organisationen wird vorgeworfen, patriarchale Gewalt, unter anderem gegen Minderjährige, in ihren Reihen zu dulden und zu vertuschen, während Betroffene zum Schweigen gebracht und ausgeschlossen werden.[3] Die Aufarbeitung der Vorfälle ist unzureichend, die Statements der FKO waren wenig aussagekräftig und ließen Einsicht mangeln.[4]

Aus diesem Grund wurde die FKO lokal aus Bündnissen entfernt, beispielsweise beim 1. Mai in Leipzig, wo sie sich trotz einer entgegengesetzten Absprache beteiligte und auch wieder „patriarchales Fehlverhalten“[5] an den Tag legte.

 

Die Debatte um die Unvereinbarkeit

Dem Beschluss auf dem letzten Bundeskongress ging eine Debatte um das Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“ und der Mitgliedschaft der Linksjugend in diesem vor. Unter dem Bundessprecher:innenrat 2024/25 trat die Linksjugend dem Bündnis bei, um dann später aufgrund der bekannten Täterschutzvorwürfe gegen die FKO, die mit der „Internationalen Jugend“ (IJ) und dem „Studierendenkollektiv“ im Bündnis vertreten sind[6], aus dem Bündnis auszutreten.

Auf dem Bundeskongress positionierte sich eine breite, strömungsübergreifende Mehrheit für den Beschluss. Gegen den Beschluss positionierten sich vor allem Delegierte des SDS, aus Sachsen-Anhalt und Minderheiten aus Nordrhein-Westfalen sowie Bayern. Aus letzterer wurde behauptet, man wolle „keine Täter schützen, aber“, wobei nach dem „aber“ eine Zusammenarbeit mit FKO und KA gerechtfertigt wurde.

 

Umgang mit Täter(-schutz)vorwürfen in Linkspartei und Linksjugend

Auch die Partei Die Linke und die Linksjugend [’solid] haben eine unrühmliche Geschichte, was dieses Thema betrifft. Im April 2022 wurden mehrere Vorwürfe sexueller Übergriffe und des Täterschutzes innerhalb der Linkspartei enthüllt, vor allem im Landesverband Hessen.[7] Vor allem Janine Wissler, zum Zeitpunkt der Übergriffe noch Fraktionsvorsitzende im Hessischen Landtag, spielte eine unrühmliche Rolle: Sie soll frühzeitig über die Vorwürfe informiert worden sein, soll aber nicht eingegriffen haben.

Der erste öffentlich bekannte Fall jedoch geschah in Bayern: Gegen den Nürnberger Stadtrat Titus Schüller wurden von verschiedenen Personen Vorwürfe wegen übergriffigen Verhaltens erhoben. Das Verfahren wurde zwar eingestellt[8], aber aus den Kreisen der Nürnberger Partei wurde den Betroffenen bereits vor der Einstellung des Verfahrens die Glaubwürdigkeit abgesprochen, während aber andererseits die Fähigkeiten und die gute politische Arbeit des Beschuldigten hervorgehoben wurden.[9]

 

Prävention in Partei und Jugendverband

Hier zeigt sich bereits ein eklatantes Problem: Genossen, vor allem männliche Kader, können schnell aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer Arbeit und ihren Netzwerken die Struktur, der sie vorstehen, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu sich bringen. Wenn Vorwürfe im Raum stehen, stellt man sich unabhängig vom konkreten Sachverhalt häufig im Zweifel auf seiner Seite, um seine Fähigkeiten und seine Arbeit nicht zu „verlieren“ oder um die Genoss:innen, mit denen dieser vernetzt ist, nicht gegen sich aufzubringen. Aus diesem Grund ist es vor allem aus feministischer Perspektive wichtig, bei der Kaderförderung eine Zentralisierung auf eine oder wenige Personen, vor allem Männer, dringend zu verhindern. Stattdessen sollte ein höherer Wert auf einen stärkeren Abbau von Wissenshierarchien gelegt werden, wodurch ein Ausbau politischer Bildung ein wichtiger Punkt wäre. Ebenfalls wichtig wäre es, verstärkt Frauen und TINA*-Personen zu Kadern auszubilden und die FLINTA*-Vernetzung in Partei und Jugendverband stärker auszubauen, um männlich dominierten Netzwerken etwas entgegensetzen zu können.

Des Weiteren ist ein Neuaufbau der Awarenessstrukturen in der Linksjugend dringend geboten. Die aktuell bestehenden Awarenessstrukturen wurden nach Bekanntwerden von LinkeMeToo schnell aus dem Boden gestampft, haben sich aber nicht wirklich als nachhaltig erwiesen. Im Jugendverband besteht seit Jahren eine hitzige Auseinandersetzung um die Awarenessarbeit, die 2023 mit dem Beschluss des Länderrats zur Auflösung der AG Awareness einen vorläufigen Höhepunkt nahm. Diese Debatte kocht jedoch immer wieder hoch, weswegen der Bundessprecher:innenrat Ende 2025 beschlossen hat, ein externes Awarenessteam für den bevorstehenden Präsenzbundeskongress zu engagieren, da das Vertrauen in die bisherigen Awarenessstrukturen nicht mehr gegeben ist.

Auf jeden Fall steht fest, dass in der Linksjugend in verschiedensten Bereichen viel Nachholbedarf bezüglich feministischer Verbandsentwicklung herrscht.

In eigener Sache: Wenige Stunden nach Veröffentlichen des Artikels erreichte uns eine Mail aus dem Umfeld eines im Artikel erwähnten Falls, die mit einer Klage gedroht hat. Wir haben deshalb einige Formulierungen angepasst, um juristisch auf der sicheren Seite zu sein.


[1] vgl. https://www.instagram.com/p/DP_hTOaiDXj/

[2] vgl. https://www.instagram.com/p/DRFKGOcjPdQ/?img_index=1, hier Collabpost mit der FKO-Struktur IJ

[3] vgl. https://www.instagram.com/p/DE2mwvniyF0/?img_index=1

[4] vgl. https://fkoonline.org/2026/01/unsere-arbeit-zu-patriarchalem-fehlverhalten-und-gewalt-was-ist-im-letzten-jahr-passiert/

[5] https://www.instagram.com/p/DJHX0dViIeY/?img_index=4

[6] vgl. https://neinzurwehrpflicht.wordpress.com/ueber-uns/

[7] vgl. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-linke-vorwurf-sexueller-uebergriffe-in-hessen-betroffene-auessern-sich-erstmals-a-d6e768e4-eec7-4aec-ba16-bfa6337d3723

[8] Bei Fällen,die Vorwürfe sexueller Belästigung beinhalten, ist die Justiz und ihr Umgang mit Opfern und Beschuldigten aus feministischer Sicht zu kritisieren. Darüber hinaus sollten für eine Linke Partei höhere Standards gelten und auch Verhalten was nicht justiziabel ist, kann inakzeptabel sein.

[9]vgl. https://www.instagram.com/p/CUauDJKsG8o/