Vom „faschistischen Agenten“ Trotzki bis zum BAK Feminismus als CIA-Operation -Eine Kritik (neo)stalinistischer Agententheorien
Beitrag von Michael Ulbig, BG Fürth
Unter Postings von Linksjugend Strukturen tauchen in letzter Zeit regelmäßig Kommentare auf, die mit politischer Kritik wenig zu tun haben, aber hinter denen sich eine politische Ideologie verbirgt, die eine Ideologiekritik verdient. Wenn der BAK Feminismus, die Libertäre Plattform, der BAK antiautoritäre Linke oder andere linke Strömungen Positionen vertreten, die stalinistischen oder anderen autoritären Akteur:innen nicht passen, folgt oft kein Widerspruch in der Sache, sondern der Vorwurf diese Postings wären von der CIA, NATO oder Israel gesteuert. Die Kommentare kommen nicht immer von Verbandsmitgliedern, aber werden häufig von Mitgliedern aus dem Umfeld des BAK Agitprop und des BAK Klassenkampfs geliked.
Auch wenn die Kommentare sicher nicht alle zu 100% ernst gemeint sind, ist es wichtig diese ernst zu nehmen, da es erstens genug Leute im Internet gibt, die das ernsthaft vertreten und zweitens Shitposting auch oft die Funktion hat, unsagbares sagbar zu machen, da man sich damit leichter der Kritik entziehen kann, aber die Position damit trotzdem normalisiert wird.
Verdächtigung statt inhaltliche Auseinandersetzung
Diese Kommentare greifen auf ein altes stalinistisches Deutungsmuster zurück, bei dem politische Abweichung nicht als bewusste Position mündiger Subjekte verstanden wird, sondern als Wirkung fremder Steuerung. Diese stalinistischen Agententheorien erfüllen die politische Funktion sich nicht mit Kritik auseinandersetzen zu müssen. Man muss dann nicht mehr fragen, warum Feminist:innen die Parole „Merz leck Eier“ ablehnen. Man muss nicht diskutieren, warum die Libertäre Plattform BDS kritisiert. Man muss sich auch nicht damit auseinandersetzen, warum sich ein antiautoritärer Arbeitskreis gründet, der die aktuellen Tendenzen im Jugendverband nicht befürwortet.
Es reicht zu behaupten: „CIA.“
Fall geschlossen.
Wer abweicht, ist nicht Genoss:in mit anderer Analyse, sondern Agent:in des Klassenfeindes. Die andere Position ist dann nicht falsch, widersprüchlich oder verkürzt, sondern fremdgesteuert. Die Agententheorie ersetzt Kritik durch Verdacht, denn mit Agenten muss man nicht diskutieren, sondern man muss diese nur entlarven. Die Agententheorie behandelt politische Gegner:innen nicht als Subjekte, die irren, widersprechen oder aus guten Gründen anderer Meinung sein können, sondern als Objekte fremder Steuerung. Genau in diesem anti-emanzipatorischen Menschenbild liegt der autoritäre Kern dieser Denkform.
Das ist das Gegenteil einer marxistischen Theorie der Emanzipation, die Menschen als gesellschaftlich geprägte, aber handlungsfähige Subjekte begreifen müsste. Dabei sprechen Vertreter dieser Theorien ständig vom Klassenbewusstsein, trauen aber realen Menschen kaum Bewusstsein zu. Das ist eines Kommunisten unwürdig, da Marxismus eigentlich den Anspruch hat gesellschaftliche Verhältnisse erklärbar zu machen und zu zeigen, warum Menschen bestimmte Interessen haben, warum bestimmte Kämpfe entstehen und warum Menschen innerhalb derselben Klasse trotzdem zu unterschiedlichen politischen Schlussfolgerungen kommen können. Es ist ein Armutszeugnis, dass scheinbar die Fähigkeit fehlt eine politische Analyse der realen Widersprüche vorzunehmen, die diese Gesellschaft produziert.
Aus Opposition wird Verrat
Historisch ist diese Denkform nicht neu. Besonders deutlich zeigt sie sich in den Moskauer Schauprozessen der Jahre 1936 bis 1938. Dort wurden ehemalige Bolschewiki, Oppositionelle und insbesondere Trotzkist als Terrorist:innen, Spione, Saboteure und Agent:innen ausländischer Mächte konstruiert. Dabei wurde die berechtigte Angst vor Sabotage und einem Krieg gegen die Sowjetunion instrumentalisiert um gegen innerparteiliche Gegner:innen vorzugehen. Sheila Fitzpatrick beschreibt dieses Phänomen in „The Russian Revolution“ in ihrem Kapitel über den Terror sehr eindrücklich. [1]
Der Stalinismus konnte die Existenz einer linken Opposition gegen Stalin nicht politisch anerkennen. Eine Opposition innerhalb der kommunistischen Bewegung hätte bedeutet, dass es möglicherweise legitime marxistische Kritik an Bürokratisierung, Terror und Parteiherrschaft gibt. Genau das durfte nicht sein und deshalb musste die Opposition als fremdgesteuerte Konterrevolution erscheinen.
Aus Opposition wurde Verrat. Aus Kritik wurde Sabotage. Aus Genoss:innen wurden Agent:innen
Wie tief diese Logik reichte, zeigt auch die internationale Verteidigung der Moskauer Prozesse durch kommunistische Parteien. Ein Text der britischen Kommunistischen Partei von 1938 trug etwa den Titel „Fascist Agents Exposed in the Moscow Trials“ [2]. Schon der Titel zeigt, dass die innerlinke Opposition nicht als politische Strömung, sondern als enttarnte Agentur des Faschismus bezeichnet wurden.
Natürlich sind Instagram-Kommentare nicht die Moskauer Prozesse. Niemand wird durch einen Kommentar unter einem Linksjugend-Posting vor ein Tribunal gestellt und hingerichtet. Dennoch hilft die historische Parallele die Denkform zu verstehen. Denn in beiden Fällen werden abweichende linke Positionen nicht als politische Kritik wahrgenommen, sondern als Ausdruck feindlicher Infiltration.
Gabriel Rockhill und der westliche Marxismus als CIA-Produkt
In akademischer Form findet sich eine ähnliche Denkfigur heute etwa bei Gabriel Rockhill. In seinem Buch „Who Paid the Pipers of Western Marxism?: The Intellectual World War, Marxism vs. the Imperial Theory Industry“ argumentiert er, dass „westlicher Marxismus“, kritische Theorie und akademische linke Theorie im Kontext des kulturellen Kalten Krieges durch CIA-nahe Strukturen, Stiftungen und Institutionen geprägt, gefördert oder kanalisiert worden seien. [3]
Es ist zwar historisch nicht falsch, dass die CIA im Kalten Krieg Kulturpolitik betrieben hat. Geheimdienste, Stiftungen, Universitäten, Zeitschriften und Kulturinstitutionen haben eine Rolle dabei gespielt, antikommunistische Hegemonie zu organisieren. Es ist sinnvoll solche Apparate zu untersuchen und zu fragen, welche Institutionen welche Theorieformen fördern, welche Karrieren möglich machen, welche Debatten verstärken und welche unsichtbar machen.
Problematisch wird es dort, wo daraus eine totalisierende Erklärung linker Theorie wird. Französische und Kritische Theorie oder alles was er als „westlichen Marxismus“ bezeichnet, erscheinen dann nicht mehr primär als widersprüchliche intellektuelle Antworten auf reale historische Erfahrungen wie Faschismus, Stalinismus und andere Niederlagen der Arbeiterbewegung, sondern als Effekt imperialistischer Steuerung.
Das Problem liegt nicht darin, dass er nach Institutionen, Geldflüssen und ideologischer Hegemonie fragt, sondern das Problem beginnt dort, wo Vermittlung durch Finanzierung zur Erklärung des Inhalts selbst wird.
Russell Jacoby wirft Rockhill in einer Rezension vor, mit Anspielungen und Schuld-durch-Assoziation zu arbeiten, und beschreibt das Ergebnis polemisch als eher an einen Schauprozess erinnernd als an eine ernsthafte politische Anklage. [4]
Natürlich kann und sollte man kritisieren, wenn marxistische Theorie akademisch entpolitisiert, von Klassenkämpfen getrennt oder als reines Seminarphänomen betrieben wird. Es macht aber einen Unterschied, ob der Inhalt einer Theorie kritisiert wird oder ihre Existenz im Kern als Geheimdienstprodukt behandelt werden.
„CIA-Feminismus“ und „Kulturmarxismus“
Stalinistische Agententheorien und rechte „Kulturmarxismus“-Erzählungen stehen politisch auf entgegengesetzten Seiten, funktionieren aber strukturell ähnlich.
Rechte Kulturmarxismus-Erzählungen behaupten, Feminismus, Antirassismus, Queerness, kritische Theorie und progressive Kultur seien nicht Ausdruck gesellschaftlicher Kämpfe, sondern Ergebnis einer gesteuerten Zersetzung westlicher Gesellschaften.
Die Erzählung vom „Cultural Marxism“ ist eine rechte, häufig antisemitisch codierte Verschwörungsideologie. Der Begriff des „Kulturmarxismus“ dockt dabei an ältere antikommunistische und antisemitische Narrative vom jüdischen Bolschewiken an, die insbesondere im russischen Bürgerkrieg und im Nationalsozialismus verbreitet waren. Die Rechte Propaganda der Gegenwart stellt gesellschaftliche Umbrüche wie die zunehmende Emanzipation der Frau in westlichen Gesellschaften und eine damit einhergehende sinkende Geburtenrate nicht als Ergebnis realer Konflikte dar, sondern als Werk einer zersetzenden, im Hintergrund agierenden Macht. In diesem Fall sind die jüdisch-marxistischen Intellektuellen der Frankfurter Schule die Drahtzieher.
Während der rechte Antikommunismus sagt, dass Feminismus, Queerness und Antirassismus nicht aus realen gesellschaftlichen Widersprüchen kommen, sondern aus marxistischer und/oder jüdischer Unterwanderung, wirft der Kommentarspalten-Autoritarismus dem BAK Feminismus, der Libertären Plattform oder dem BAK antiautoritäre Linke vor nicht reale linke Kritik zu üben, sondern CIA gesteuert zu sein.
Natürlich ist das nicht dasselbe. (Neo)stalinismus ist nicht einfach identisch mit rechter Kulturmarxismus-Ideologie und ich werfe den Schreibern solcher Kommentare nicht vor auf einer Stufe mit Anders Breivik oder Jordan Peterson zu stehen. Die Inhalte und die historischen Funktionen sind nicht deckungsgleich, aber die Form der Erklärung ähnelt sich. Gemeinsam haben sie ein antiemanzipatorisches Weltbild und dieses ist kompatibel mit manichäischen und antisemitischen Weltbildern. Komplexe gesellschaftliche Entwicklungen werden personalisiert, externalisiert und als feindliche Steuerung gedeutet. Sie können gesellschaftliche Konflikte nicht als Ergebnis realer Widersprüche begreifen und brauchen stattdessen eine steuernde Instanz im Hintergrund. Wo Menschen nicht so handeln wie sie sich es wünschen, wittern sie Manipulation.
Einschüchterung, Säuberung, Lagerdisziplin
Diese Agentenvorwürfe haben konkrete politische Effekte, die über schlechtes Shitposting hinausgehen. Sie markieren innerlinke Gegner:innen als illegitim und ersetzen Kritik durch Verdacht. Sie erzeugen dabei Konformitätsdruck und machen solidarische Debatte unmöglich. Sie bereiten einer autoritären Organisationskultur den Boden bei der jede Abweichung sofort diszipliniert wird. Sie verhindern dabei jede Selbstkritik, denn wer Kritik nur als feindliche Operation begreift, muss die eigene Linie nie überprüfen. Schuld am scheitern von Linken sind nicht die eigenen strategischen Fehler oder ungünstige historische Bedingungen, sondern Trotzkist:innen, Feminist:innen, Anarchist:innen, NGOs, Stiftungen, die CIA, der Mossad oder gleich „der Westen“.
Eine Organisation, die Kritik nur als Verrat wahrnimmt, verliert die Fähigkeit zur Korrektur. Sie kann nicht mehr lernen, sondern nur noch säubern, abwehren und den eigenen Kurs für objektiv richtig erklären. Genau darin liegt der Übergang von politischer Debatte zu autoritärer Lagerdisziplin.
Gerade ein basisdemokratischer Jugendverband müsste aber das Gegenteil leisten. Er sollte ein Ort sein, an dem Genoss:innen lernen, Argumente zu prüfen, Widersprüche auszuhalten, Positionen zu verändern und Kritik nicht sofort als Angriff auf die eigene Identität zu behandeln.
Wenn wir eine klassenorientierte, organisierende und strategisch handlungsfähige Linke wollen, brauchen wir eine Debattenkultur, in der die andere Seite zwar hart kritisiert werden kann, aber nicht sofort zum feindlichen Objekt erklärt wird. Wir brauchen politische Bildung, die Menschen befähigt, sich selbst ein Urteil zu bilden und ein Menschenbild, welches Genoss:innen zutraut, zu denken!
Quellen und Literatur:
[1] Sheila Fitzpatrick: The Russian Revolution. Oxford University Press, Oxford 1982/1983.
[2] Robin Page Arnot: Fascist Agents Exposed in the Moscow Trials. 1938. Online verfügbar unter:https://www.marxists.org/archive/arnot-page/1938/05/fascist-agents.htm
[3] Gabriel Rockhill: Who Paid the Pipers of Western Marxism? The Intellectual World War: Marxism vs. the Imperial Theory Industry. Monthly Review Press, New York 2025.
[4] Russell Jacoby: No, Western Marxism Wasn’t a CIA Plot. In: Jacobin, 18.04.2026. Online verfügbar unter:https://jacobin.com/2026/04/review-rockhill-western-marxism-cold-war