Aus Thüringen nach Polen

Von Adrian und Malu aus der AG Internationales und Basisgruppe Erfurt

Aus Thüringen nach Polen

Was machen zwei Thüringer Genoss*innen in Polen?
Die Antwort ist ganz einfach. Sie tauschen sich mit linken Aktivistinnen aus über 15 Ländern über die großen Kämpfe unserer Zeit aus. Wir waren gemeinsam vom 2. bis zum 7. September als Teil der Delegation der Linksjugend auf dem Sommercamp der European Left Alliance (ELA) in der Nähe von Warschau. Von Albanien und Polen über Dänemark und Spanien bis hin zu den USA ging es dort darum, was wir international voneinander lernen und wie wir gemeinsam solidarisch zusammenstehen können. Dabei gab es ein inhaltlich großes Programm. Auf Podien wurde diskutiert und über wichtige Fragen unserer Zeit gesprochen. Von künstlicher Intelligenz und der Macht der Tech-Konzerne bis hin zu der Frage, wie wir Klima- und Sozialpolitik glaubwürdig miteinander verknüpfen.  Abends standen spannende Lagerfeuergespräche über soziale Bewegungen aus ganz Osteuropa auf dem Plan. Ob Gewerkschaftskämpfe in Polen, der CSD in Budapest oder die gewaltige Flamingo-Bewegung in Albanien, die als Protest gegen ein Luxus-Resort der Trump-Familie begann und in eine breite Anti-Regierungsbewegung mündete überall zeigt sich, dass Menschen aufstehen.
In diesem Bericht wollen wir euch mitnehmen. Vondiesen internationalen Kämpfen über die Frage, wie wir mit alltäglichen Beschwerden die Systemfrage stellen können, bis hin dazu, wie wir gemeinsam neue, schlagkräftige Narrative prägen.

Von Budapest bis nach Tirana
Abends begannen Lagerfeuergespräche. Uns wurden soziale Bewegungen aus Osteuropa vorgestellt. Ob Gewerkschaftskämpfe in Polen, CSD in Budapest oder Proteste gegen die korrupte Regierung und für Umweltschutz in Albanien. Aktive von vor Ort berichten über ihre Kämpfe. So zum Beispiel über Orbans homophobe Politik die 2025 einen neuen und erstmal letzten Höhepunkt erreichte. Der CSD in Budapest wurde zum "Schutz der Kinder" wie so vieles davor z.B. Märchenbücher verboten. Für die Helfer*innen bedeutete das hohen Geldstrafen, für Organisator*innen sogar Haftstrafen. Immer wieder kam es zu Anfeindungen. Trotzdem wollten sie den CSD nicht einfach absagen. Am Tag selbst war unklar, wie die Polizei reagieren wird. Zusammen mit der liberaleren Stadtregierung sowie europäischer Unterstützung konnten sie den CSD doch durchführen. Es kamen riesige Massen. ca. 180.000 bis 200.000 Teilnehmern, so dass die Straße die Macht entfalten konnte und die Parade stattfand. Es gab mehrere Gegendemos mit Bibeln, Kreuzen und Heiligenbildern. Dieses Jahr konnte die Abwahl des früheren Ministerpräsident  Orban in etwas kleinere Runde gefeiert. Nach 16 Jahren gab es endlich einen Regierungswechsel. Und das mit einer 2/3 Mehrheit, so dass Peter Magyar, auch einige der Verfassungsänderungen des vorherigen Ministerpräsidenten rückgängig gemacht werden können. Die Organisator*innen der Budapester Pride gehen davon aus, dass Magyar immer noch ein konservativer Politiker ist, aber deutlich  EU freundlicher sein wird und zugänglicher für zivilgesellschaftlichen Druck sein wird.
In Tirana, Albanien, läuft aktuell die Flamingo Revolution. Große Teile des Landes sind auf der Straße und demonstrieren. An Anfang ging aus hauptsächlich gegen den Bau eines Luxusressorts der Trump Familie in einem Naturschutzgebiet. Eine frühere Militärinsel soll in Privatbesitz übergeben. Zudem gehört eine längerer Küstenabschnitt einer benachbarten Halbinsel dazu. In der Lagune leben unter andrem geschützte Flamingo. Proteste vor Ort wurden durch private Sicherheitskräfte "unterbunden". Ein Zaun am Strand. Kein Zugang zum Meer. Schläger als Symbol für die Verbindungen des organisierten Verbrechens zu Politik und Oligarchen. Beton, der die Küste verschlingt. All das verkörperte für viele Albaner ein Gefühl, das sich seit Jahren angestaut hatte. Es ging nicht mehr nur um das eine Bauprojekt, sondern um die allgegenwärtige Korruption im Land. Die Proteste verlagern sich auf die Hauptstadt und wurden größer. Viele Familien und Kinder nehmen daran teil. Etwa 1/10 des Landes ist regelmäßig auf der Straße. (habe ich gehört?) Auch viele Albaner*innen im Ausland unterstützen die Proteste etwa 1/3 der Bevölkerung. Es geht um die Zukunft des Landes und wo es sich hin entwickeln soll. Die Regierung ging nicht auf die Forderungen der Demonstrierenden ein. Stattdessen unterstellte sie ihnen bezahlte Unruhestifter*innen aus Griechenland zu sein. Das schwächte die Proteste nicht ab. Der Flamingo ist nicht nur ein Symbol. Bei der Bewegung selbst geht es um etwas viel Größeres: die Überzeugung, dass Albaniens Naturerbe, seine öffentlichen Institutionen und seine Zukunft einen verantwortungsvollen Umgang verdienen.

Vom Alltagsschmerz zur Systemfrage
Täglich gab es unterschiedlichste Podien zu den wichtigen linken Fragen unserer Zeit: Was machen wir eigentlich mit KI, und was treibt Elon Musk um? Daneben ging es um die nach wie vor dringende Frage, wie man Klimaschutz und soziale Fragen miteinander verknüpfen kann. Ziel war es vor allem, auch Menschen vor Ort mitzunehmen, die dem Klimaschutz eher negativ gegenüberstehen, und ihnen greifbar zu machen, warum praktischer Klimaschutz jeder und jedem Einzelnen direkt nützt und dies direkt mit der Systemfrage verknüpfen. Man kann nämlich dabei alltägliche Beschwerden, die auf den ersten Blick vielleicht wenig mit einer großen Systemfrage zu tun haben, hervorragend nutzen, um sich gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu organisieren. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist der Kampf gegen die industrielle Schweinezucht, wie man sie beispielsweise aus Dänemark oder auch aus Teilen Norddeutschlands kennt. Solche Megaställe sind unfassbar schlecht fürs Klima, eine Katastrophe für das Tierwohl, haben unfassbar schlechte Arbeitsbedingungen und vor allem ein Ausdruck eines komplett profitorientierten Agrarsystems, das auf ständige Expansion, Monopolbildung und die Externalisierung von Kosten setzt und dabei  Mensch und Natur ausbeutet. Gleichzeitig ist es für die Menschen, die in der Nähe wohnen durch massiven Gestank und den Lärm unfassbar belastend im Alltag. In solchen Momenten greifen systemische Probleme und ganz konkrete, physische Unannehmlichkeiten handfest ineinander. Man kämpft gemeinsam gegen dieselbe Zumutung. Das Besondere dabei ist, dass man mit Menschen zusammenarbeitet, die in der Nähe dieser Anlagen leben und anfangs vielleicht sehr unterschiedliche Motive oder Ziele haben mögen von Tierschutz über Geruchsfreiheit bis hin zu grundsätzlicher Kapitalismuskritik. Am Ende zieht man jedoch an einem Strang, weil alle dasselbe konkrete Ziel verfolgen: die Lebensqualität vor Ort zu verbessern und die Machtkonzentration großer Agrarkonzerne zu brechen.
Man muss am Ende klarmachen, dass nicht die Menschen, die billige Cheeseburger essen, das Problem sind, sondern das Problem die ökonomischen Zwänge und Verwertungslogiken des kapitalistischen Marktes sind. Profiteure sind dabei dann Eigentümer dieser milliardenschweren Unternehmen. Und das zeigt: Eine Klimaaktivistin und ein Fließbandarbeiter haben am Ende weit mehr Gemeinsamkeiten und gemeinsame Interessen, als es auf den ersten Blick scheint. 
Der echte Systemgegner sitzt nicht im Nachbarhaus, weil er Fleisch isst oder ein Auto fährt, sondern zwischen der großen Mehrheit der Bevölkerung, die täglich arbeiten gehen und einer kleinen oligarchischen Klasse, die vom kapitalistischen System profitieren. Deshalb darf Klimapolitik niemals als moralischer Zeigefinger gegen die arbeitende Bevölkerung daherkommen, sondern muss als gemeinsamer, systemischer Kampf gegen die Verwertungslogik des Kapitals verstanden werden, um Wirtschaft und Gesellschaft demokratisch zu vergesellschaften. Dazu gab es auch eine spannende Debatte über Künstliche Intelligenz und die Rolle der politischen Linken in der Debatte. Sind KI-generierte Sharepics und mit KI geschriebene Texte etwa die Rettung der Revolution, oder sollten wir KI am liebsten bis zum Ende verteufeln?  Die Diskussion zeigte, dass die Perspektive der Linken hier weder in blinde Technik-Euphorie noch in komplette Ablehnung sein sollte. Einerseits sollten wir als die Technologie nicht pauschal verteufeln, jedoch braucht es eine klare, linke Systemkritik. Das Kernproblem liegt bei den großen Tech-Konzernen, die sich ihre Daten zusammengeklaut haben, über gigantische Datenmengen verfügen und deren Macht längst jeglicher demokratischen Kontrolle entzogen ist. Aber bei all der Systemkritik weniger KI-Slop.

Gemeinsam neue Narrative setzen

"Wir müssen nicht über Cheeseburger reden, sondern Jachten."

Das sagte ein Teilnehmer des Red and Green Panel. Der Klimawandel ist da. Das haben wir diesen Sommer deutlich an der eigenen Haut erlebt. Viel müsste sich ändern, tut es aber nicht oder zumindest nicht genug. Trotzdem dürfen wir uns der Hoffnungslosigkeit nicht hingeben. Es gibt immer noch eine gerechtere Zukunft. Der grüne Kapitalismus der EU ist auch keine Lösung. Ohne Hoffnung stellen wir immer kleinere Forderungen und bewegen uns nur noch in dem als realistisch abgeschätzten Raum des Kapitalismus. Die Fakten haben wir auf unsere Seite. Emotional kommen wir aber nicht an die Menschen ran. Oft argumentieren wir zu Studien und Fakten besessen und können die Ängste der Menschen nicht entkräftigen. Was können wir dagegen setzen? Es sollte nicht um Verzichtdebatten oder das wegnehmen von Konsummöglichkeiten gehen, sondern darum, wie ein besseres Leben aussehen kann, wenn wir bessere Angebote ausbauen und eine andere Zukunft denkbar machen. Nicht das Auto verbieten, sondern ÖPNV für alle bequem, günstig und nutzbar machen. Aber auch Naming und Shaming the Rich ist eine Strategie. Um reale Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen. Nicht Minderheiten sind Schuld, sondern der Kapitalismus. Auch bei uns wird oft über individuelles Verhalten gestritten, der Boomer Onkel vs. die Sozialwissenschaftsstudierende Nichte. Stattdessen müssen wir uns als Teil eine strukturelle Bewegung begreifen die versucht durch das bessere Leben Menschen zu klimafreundlichen Verhalten zu bewegen. Deswegen lasst uns über Superjachten und Privatflugzeuge reden. Statt Menschen den Urlaub oder das Schnitzel zu verbieten.

Was braucht es?
Diese Frage stellt sich nach solchen Reisen eigentlich immer. Was nimmt man mit für die Arbeit vor Ort, was braucht es jetzt konkret? Man muss aufhören, Politik rein defensiv oder als moralischen Zeigefinger zu betreiben. Alltägliche Zumutungen müssen übersetzt werden in eine scharfe Systemkritik. Dies verbunden mit dem Mut zu einer klaren und offensiven Sprache, die bei den echten Problemen der Menschen ansetzt. Es braucht ganz einfach Menschen vor Ort, die für die Menschen vor Ort da sind, ihre alltäglichen Probleme ernst nehmen und solidarisch gemeinsam mit ihnen kämpfen.Vor allem braucht es aber immer wieder diesen internationalen Austausch mit Genoss*innen aus der ganzen Welt, um gemeinsam voneinander zu lernen, bewährte Strategien weiterzuentwickeln und den Glauben an eine andere bessere Zukunft für alle immer zu behalten.