Das kommende Bauvolk Welt in Krise? - Was ein Organizingevent in Malmö über die Linksjugend offenbart

Ein Beitrag von Adrian Hartig, BG Erfurt

Das kommende Bauvolk Welt in Krise? - Was ein Organizingevent in Malmö über die Linksjugend offenbart

Vom 15. bis zum 18. Mai wurde Malmö zur Stadt der linken Organizer.
Unter dem Titel „Organize!" veranstaltete die Rosa-Luxemburg-Stiftung Brüssel in Zusammenarbeit mit Zetkin eine internationale Konferenz. Menschen aus dem Team Mamdani, Team Bernie und einem Kampagnenteam der Greens aus dem Vereinigten Königreich sowie aus vielen weiteren Ländern und unterschiedlichen Organisationen kamen dort zusammen.
Es gab viele interessante Workshops und Debatten über Organizing an verschiedenen Orten. Von New York über Gorton and Denton im Vereinigten Königreich bis nach Malmö. Auch wenn die Strategien je nach Kontext angepasst werden. Sei es eine Materialschlacht in Gorton and Denton, um Labour-Wähler*innen zu gewinnen, massiver Haustürwahlkampf in New York oder soziale Angebote in Malmö. Alle hatten dieselben Grundprinzipien.

Organizing ist zentral.

Was immer wieder deutlich wurde: Erfolgreiche Kampagnen entstehen nicht aus dem Nichts. Erfolgreiche Kampagnen bauen auf langfristige Organizingstrukturen und Netzwerke vor Ort auf, die Menschen selbstbestimmt aufbauen und motivieren, für die konkrete politische Idee zu kämpfen und sich zur Wehr zu setzen.
Linke Organisationen müssen für die Menschen im Stadtteil da sein. Ansprechbar, im Alltag und ganz einfach nützlich. Sei es durch regelmäßige soziale Angebote wie Tanzgruppen, wie es die Genoss*innen von Barcelona en Comú machen, oder auch gemeinsame Spieleabende, aber auch wichtig ist praktische Hilfe, zum Beispiel beim Kampf gegen die Vermieter.
Nicht mit Konzentration auf Wahlkampf und Wahltermine. Sondern auch zwischen den Wahlkämpfen vor Ort sein.
Denn die meisten anderen Parteien interessieren sich nur für Wähler*innen und haben wenig Interesse daran, den Menschen praktisch zu helfen. Da müssen wir als Sozialist*innen anders sein.

Solidarität und Gemeinschaft

Dabei ist ein solidarisches Miteinander innerhalb von linken Organisationen kein Nice-to-have, sondern eine unfassbar wichtige Basis.
Menschen bleiben in linken Strukturen, wenn sie sich wohlfühlen, sich in ihren Ideen ausleben können und einen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Es braucht einen Verband, der eine revolutionäre Freundlichkeit ausstrahlt, bei dem Menschen unbedingt Teil von sein möchten und mitmachen wollen. Sei es aufgrund der öffentlichen Ausstrahlung eines Verbandes oder die innere Gemeinschaft des Verbandes.

Das Bauvolk wartet auf seine Baupläne

Dieses Potential ist in unserem Jugendverband.
Die Kampagne zur Bundestagswahl hat davon sehr gute Ansätze gezeigt.
Sei es der Plan mit „Train-the-Trainers“ möglichst alle Basisgruppen zu besuchen und inhaltlich diese auf die Bundestagswahlkampagne vorzubereiten und gleichzeitig diesen auch schon Ideen für Aktionen weiterzugeben. Das hat funktioniert, denn in unfassbar vielen Basisgruppen gab es Aktionen, die in Zuge dessen geplant worden sind. Auch die Kampagnenwoche gegen Femizide in 2024, die Bundesweit durchgeführt worden ist.
Beides hat sehr gut funktioniert, Ersteres natürlich nicht wie geplant, weil Christian Lindner sich verzockt hat und es vorgezogenen Wahlen gab. Es hat trotzdem gut funktioniert. Wenn es darauf ankommt, können wir das. Gemeinsam kämpfen trotz unterschiedlicher Positionen. In vielen Orten haben wir als Jugendverband sogar auf dem die Partei getragen. Und das gemeinsam über die unterschiedlichen Flügel hinaus.
Das Problem ist, dass nichts aus der Bundestagswahlkampagne folgte. Die geplante Kampagnenwoche gegen Femizide im November wurde einen Tag vor ihrem Start abgesagt. Seitdem kommt nichts an Kampagne vom Bundesverband. Dabei mangelt es nicht an Ideen und Vorschlägen. Es fehlt nur an ihrer Umsetzung.
Es gibt unseren Antrag als Marxistisches Netzwerk „Das Bauvolk der kommenden Welt", der eine Azubi-Kampagne vorschlägt: Auszubildende sollen über ihre Rechte aufgeklärt, untereinander vernetzt und in ihrem Einsatz für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen gestärkt werden.
Man könnte, oder muss sogar, eine Kampagne zur aktuellen Zerstörung des Sozialstaates den unsere Genoss*innen mit ihren Leben erkämpft haben machen. 

Zur Lage im Jugendverband

Schaue ich mir jetzt die Lage des Verbandes an, schlägt die Motivation, die ich aus dem „Organize Meetup" und Austausch dort bekommen habe, direkt zu Pessimismus über.

Denn die Stimmung im Jugendverband ist genau das Gegenteil. Sie ist in großen Teilen toxisch, von Lagerdenken dominiert und sehr destruktiv.
Denn man muss nicht weit suchen, um zu sehen, wohin es führt, wenn man nicht in der
Der Bundeskongress im November war der vorläufige Tiefpunkt. Was dort stattgefunden hat, war kein politischer Streit. Es war der finale Zusammenbruch einer solidarischen Gemeinschaft. Es war die Folge jahrelanger immer größer werdenden Toxizität und Feindmarkierung von Menschen als „Zios" oder „Antideutsche" innerhalb des Verbandes. Frauen und Tina* Personen wurden ausgelacht, während sie Redebeiträge auf dem Bundeskongress hielten, nur weil sie im falschen Lager seien und damit „der Feind" waren. Statt inhaltlicher Debatte gab es Lagerdenken und Feindmarkierung.
Statt Kompromisssuche gab es Ausgrenzung der angeblichen inneren Feinde.
Am Ende fühlten sich Genoss*innen so bedroht, dass sie abreisten mussten.
Das ist keine Organisation, die gemeinsam etwas erreichen kann. Das ist eine, die sich selbst im Weg steht.
Und genau das ist das Problem: Eine toxische Kultur zerstört nicht nur die Stimmung oder die Arbeitsfähigkeit.
Sie zerstört die Existenzberechtigung eines Verbandes. Denn irgendwann ist man nicht mehr handlungsfähig. Denn wer sich nicht sicher fühlt und immer wieder als Zielscheibe ausgemacht wird, entfremdet sich mit dem Jugendverband.
Wenn es in einem Verband keine gemeinsamen Ziele gibt und keinen gemeinsamen Kampf mehr gekämpft werden, sondern nur noch der Feind im Inneren gesucht wird.
Schauen wir uns doch an, was die letzte gemeinsame Kampagne auf Bundesebene war, in der alle im Verband an einem Strang zogen und gemeinsam gekämpft haben.
Es war die zum Bundestagswahlkampf, als wir ums Überleben unserer Partei gekämpft haben. Danach ging jedoch die Abwärtsspirale weiter.
Die aktuelle Stimmung im Verband entstand nicht über Nacht. Und es wird auch nicht über Nacht besser. Aber es muss ein Anfang gemacht werden. Man muss aufhören, jeden Konflikt als existenziellen Kampf gegen innere Feinde zu behandeln. Wir müssen wieder anfangen, miteinander zu reden, statt übereinander.
Wir können und müssen eine Stimmung und Strukturen schaffen, in denen sich Menschen sicher fühlen und Lust haben, sich aktiv einzubringen.
Unabhängig davon, welchem Lager sie angeblich angehören. Es wird bedeuten, sich auszutauschen, Kompromisse einzugehen und auch mal Menschen zuzuhören.
Denn die Alternative ist bekannt. Weitere Rückzüge von langjährig aktiven und erfahrenen Genoss*innen, mehr Bundeskongresse, bei denen Stimmung von Angst herrscht, die nächsten Kampagne, die nicht stattfindet. Damit weiterer Zerfall.
Denn ein Jugendverband, der nicht mehr gemeinsam kämpfen kann, fängt langsam seine Existenzberechtigung zu verlieren

Denn wir haben das Potential und es ist auch unsere Pflicht für eine bessere Welt zu kämpfen. Was fehlt, ist der Wille, uns selbst nicht im Weg zu stehen. Die Frage ist nur wie.
Denn was nützt der schönste Bauplan, wenn das Bauvolk sich gegenseitig die Werkzeuge aus der Hand schlägt?