Wie gelang der Wahlerfolg in Erlangen? - Ein Interview mit Hanna Wanke

Wie gelang der Wahlerfolg in Erlangen? - Ein Interview mit Hanna Wanke

Am 8. März fanden in Bayern Kommunalwahlen statt. In Erlangen konnte die Erlanger Linke 9,4 %, und damit das beste Ergebnis aller Städte in Bayern holen. Um viele am Erfolg teilhaben zu lassen, spreche ich heute mit Hanna Wanke. Hanna ist seit dem Jahreswechsel 2018/19 in der Partei aktiv, Kreissprecherin der Linken Erlangen/Erlangen-Höchstadt und neu gewählte Stadträtin für den kommunalen Wahlverein "Erlanger Linke“.

Was sind aus deiner Sicht die zentralen Gründe für den Erfolg?

Da würde ich vier Punkte aufmachen: Ein zentraler Faktor waren sicherlich die regelmäßigen Haustürgespräche. Wir haben über mittlerweile 1,5 Jahre hinweg den direkten Kontakt zu den Menschen gesucht und dabei nicht nur Wahlkampf gemacht, sondern vor allem zugehört. Wir haben damit 15.000 mal an Türen geklopft. Gleichzeitig haben unsere regelmäßigen Sprechstunden (zwei Mal die Woche) und der Sozialfonds g zeigt, dass wir auch zwischen den Wahlen konkret ansprechbar sind und Menschen unterstützen. Dazu kam eine sehr sichtbare Plakatkampagne, wo uns die Plakatierungsrichtlinien in Erlangen entgegen kommen.[1] Entscheidend war dazu auch unsere inhaltliche Klarheit: Wir haben uns auf wenige zentrale Themen konzentriert und dazu klare Positionen vertreten.

Welche Rolle spielte das im Jahr zuvor gewonnene Bürgerbegehren "Wohnraum erhalten"?[2]
Das erfolgreiche Bürgerbegehren hat sicherlich eine wichtige Rolle gespielt. Viele Menschen haben dadurch erlebt, dass linke Politik tatsächlich etwas verändern und gewinnen kann – auch aus der Opposition heraus. Das hat uns zusätzliche Glaubwürdigkeit verschafft. Gleichzeitig hat die Kampagne rund um das Bürgerbegehren dazu geführt, dass wir noch mehr Haustürgespräche führen und viele Stadtteile mehrfach besuchen konnten. Außerdem konnten wir uns dadurch weiter als politische Kraft profilieren, die sich konsequent und überall für bezahlbares Wohnen einsetzt.

Im von einer hohen Armutsrate geprägten Arbeiterviertel Anger Süd konnte die Erlanger Linke stärkste Kraft werden und im Bezirk Anger Südost wurde die AfD signifikant geschwächt, obwohl diese während der Bundestagswahl noch stärkste Kraft war. Wie habt ihr es geschafft jenseits der Studiviertel so erfolgreich zu sein und glaubst du das Stadteilarbeit ein wirksames Mittel gegen den Rechtsruck sein kann?
Wir haben bei unserer Haustürarbeit ganz bewusst einen Schwerpunkt auf Stadtteile gelegt, in denen viele Menschen mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert sind (Potenzialanalyse der Bundespartei). Dabei hat uns auch geholfen, dass wir mit unserem Büro direkt im Anger präsent sind und dort regelmäßige Sprechstunden anbieten. Dadurch sinken Hemmschwellen und Vertrauen kann entstehen. Im Stadtteil leben zudem viele Menschen mit Migrationsgeschichte. Durch unsere Arbeit gegen den Genozid in Palästina gab es teilweise bereits Berührungspunkte und ein gewisses Vertrauen. Auch im Wahlkampf haben wir beispielsweise vor der Friedensmoschee Flyer verteilt und das Gespräch gesucht. Ich glaube tatsächlich, dass kontinuierliche Stadtteilarbeit ein wirksames Mittel gegen den Rechtsruck sein kann. Sie ermöglicht es, Menschen zu erreichen, die wir sonst nie erreichen würden und direkt mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So können wir mit unseren Gesprächen und Angeboten das Bild der Linken als Anti-Establishment-Partei und tatsächliche Proteststimme stärken bzw. überhaupt erst setzen. Die Kommunalwahl hat erste Anzeichen gezeigt, dass dieser Ansatz funktionieren kann. Ob er langfristig erfolgreich ist, wird sich daran zeigen, ob wir diese Beziehungen aufrechterhalten und weiter ausbauen können.

Die Linke Bayern hat 2024 den Leitantrag "Mieten runter Löhne rauf" beschlossen. [3] Wie ist es dem Kreisverband gelungen diesen Fokus zu halten?
Wir standen von Beginn an aus strategischen Gründen hinter der Fokussierung, deshalb haben wir sie auch direkt in praktische Arbeit übersetzt. Im Kreisvorstand haben wir die Arbeit zum Thema Wohnen und auch die Haustürgespräche zu klaren Prioritäten gemacht und entsprechende Ressourcen darauf konzentriert. Gleichzeitig war es uns wichtig, die Mitglieder auf diesem Weg mitzunehmen. Deshalb haben wir Mitgliederversammlungen und Veranstaltungen organisiert, in denen wir über die Bedeutung der Wohnungsfrage gesprochen und erklärt haben, warum wir gerade dort unsere Schwerpunkte setzen. Wenn Menschen verstehen, warum bestimmte Themen strategisch wichtig sind, steigt auch die Bereitschaft, sich dafür zu engagieren. Das bedeutet übrigens auch nicht, dass andere Themen bei uns nie Platz haben. Es gibt weiterhin Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen politischen Feldern, in denen Mitglieder aktiv werden können. Der Unterschied ist aber, dass der Vorstand seine eigene Arbeit und Betreuung auf die gemeinsam festgelegten Prioritäten konzentriert.

Euer Kreisverband hat eine sehr hohe Aktivität im Verhältnis zu der Anzahl der Mitglieder. Wie gelingt es euch eure Basis zu aktivieren?
Wir versuchen, möglichst niedrigschwellige Angebote zu schaffen, bei denen Menschen ohne großen politischen Erwartungsdruck dazukommen können. Formate wie unseren Stammtisch oder die Rote Küche gibt es teilweise schon seit vielen Jahren und bieten die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und Beziehungen aufzubauen. Außerdem legen wir großen Wert darauf, unsere Entscheidungen und unsere strategische Ausrichtung transparent zu machen. Wir erklären den Mitgliedern, warum wir bestimmte Schwerpunkte setzen und geben ihnen die Möglichkeit, ihre Meinung einzubringen. Ein eher ungewöhnlicher, aber aus meiner Sicht wichtiger, Punkt ist unsere Kommunikationskultur. In unseren WhatsApp-Gruppen wird grundsätzlich nicht inhaltlich diskutiert. Sie dienen ausschließlich dazu, Informationen auszutauschen, Veranstaltungen anzukündigen oder gute Neuigkeiten zu teilen. Das liegt einerseits daran, dass wir als ehrenamtlicher Kreisvorstand keine Moderation leisten können, aber dadurch verlagern wir politische Debatten auch bewusst in persönliche Treffen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Mitglieder tatsächlich in Präsenz vorbeikommen und sich aktiv beteiligen, anstatt im digitalen Raum stecken zu bleiben.

Welche Rolle spielte eure Jugendstruktur bei eurem Erfolg und welchen Rat würdest du anderen Linksjugend Basisgruppen mit auf den Weg geben?
Der Jugendverband übernimmt das ganze Jahr über und besonders im Wahlkampf viele Aufgaben und trägt dabei auch Verantwortung. Diese Arbeit verdient Anerkennung, und wir versuchen das auch sichtbar zu machen – nicht zuletzt bei gemeinsamen Veranstaltungen oder Wahlfeiern. Wir versuchen deshalb auch grundsätzlich, den Jugendverband eng in die Arbeit des Kreisverbands einzubinden. Besonders stark ist unser Jugendverband natürlich bei der Ansprache junger Menschen. Ob mit Kaffeeständen vor Schulen oder bei Protesten gegen die Wehrpflicht – dort werden Kontakte geknüpft und Menschen politisiert, die die Partei allein oft schwer erreichen würde. Gleichzeitig leistet die Linksjugend wichtige Bildungsarbeit und schafft Räume, in denen sich junge Mitglieder entwickeln können. Anderen Basisgruppen würde ich deshalb raten, auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Partei und Jugendverband zu setzen und jungen Mitgliedern echte Verantwortung zu übertragen. Das stärkt nicht nur die Jugendstruktur, sondern langfristig auch die gesamte Partei.

Das Interview führte Michael Ulbig

[1] Anmerkung der Redaktion: In Erlangen können Parteien das ganze Jahr Plakatständer aufstellen und dort nach Genehmigung Plakate anbringen.

[2] 2025 hat es die Linke gemeinsam mit Bündnispartner:innen geschafft einen Bürgerentschied zu gewinnen bei dem es darum ging zu verhindern, dass Wohnraum in Büroflächen umgewandelt werden. Mehr Infos unter: https://wohnraum-erhalten.de/

[3] https:// www.die-linke-bayern.de/antragsheft/leitantrag/